Main-Taunus (ju) – Wie schreibt man über das Dunkel, ohne das Licht zu übersehen? Über häusliche Gewalt, die oft unsichtbar bleibt. Über eine Bluttat, die das Unsichtbare auf brutale Weise sichtbar gemacht hat. Über politische Versäumnisse. Und gleichzeitig über Mitmenschlichkeit, über Menschen, die zuhören, begleiten und helfen – und damit zeigen, dass Hoffnung mehr sein kann als ein großes Wort.
Eine Woche ist vergangen, seit Visnja S. mitten in Kelkheim ihr Leben verlor. Eine Woche, in der viele Menschen versucht haben, Worte für das zu finden, was kaum in Worte zu fassen ist. Die Tat hat eine Stadt erschüttert. Sie hat Menschen traurig gemacht, verängstigt, wütend und ratlos zurückgelassen.
Gewalt hat eine Vorgeschichte
Die Frau, deren Leben vor einer Woche gewaltsam endete, ist kein Einzelfall. Sie ist Teil einer Statistik, hinter der sich unzählige Schicksale verbergen. Und sie steht stellvertretend für eine Gewalt, die meist im Verborgenen beginnt – hinter Wohnungstüren, im Schutz des Privaten, dort, wo Kontrolle und Angst langsam den Alltag bestimmen.
Andrea Bartels-Pipo vom Verein „Frauen helfen Frauen“ findet deutliche Worte. „Femizide sind keine Beziehungstaten. Sie sind keine Familiendramen. Sie sind keine Verbrechen aus Leidenschaft“, sagte sie. Diese Begriffe, so Bartels-Pipo, verharmlosten die Realität und verschleierten den Blick auf das eigentliche Problem: geschlechtsspezifische Gewalt.
Nach Angaben des Vereins wurden im vergangenen Jahr in Hessen 13.189 Fälle häuslicher Gewalt registriert. Neun Frauen wurden von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet, 20 weitere überlebten versuchte Tötungen. Im Main-Taunus-Kreis stieg die Zahl der bekannt gewordenen Fälle um 25 Prozent. Gleichzeitig gehen aktuelle Studien davon aus, dass nur etwa fünf Prozent aller Fälle überhaupt der Polizei bekannt werden.
Die Zahlen sind bedrückend. Und doch erzählen sie nur einen Teil der Geschichte.
Am vergangenen Montag, nur wenige Stunden vor einer Mahnwache, überreichte die Bürgerstiftung Kelkheim dem Verein „Frauen helfen Frauen Main-Taunus“ einen Scheck in Höhe von 2.000 Euro. Seit vielen Jahren unterstützt die Stiftung damit die Arbeit des Vereins. Dass die Spendenübergabe ausgerechnet in diesen Tagen stattfand, verlieh dem Termin im Hause Bonczkowitz eine besondere Schwere.
„Leider fällt unsere Spendenübergabe zeitnah zu dem schrecklichen Verbrechen an einer Frau durch ihren Mann zusammen“, sagte Hildegard Bonczkowitz. Zugleich, so machte sie deutlich, führe die Tat auf schmerzliche Weise vor Augen, wie wichtig Schutzräume und Beratungsangebote sind.
Bonczkowitz berichtete von ihren Erfahrungen als Ärztin. Immer wieder habe sie Frauen und Mädchen erlebt, die Opfer von Gewalt geworden waren. Verletzungen seien dabei nicht immer sichtbar gewesen. Oft hätten sich Angst, Scham und Verzweiflung erst in Gesprächen gezeigt.
Auch Kay Möller erinnerte daran, wie anders der gesellschaftliche Umgang mit häuslicher Gewalt noch vor wenigen Jahrzehnten war. „In den 1980er-Jahren hieß es oft, so etwas gibt es bei uns nicht“, sagte sie. Wenn Gewalt doch nach außen drang, sei sie als Privatsache oder gar als Kavaliersdelikt abgetan worden. Dabei seien Frauen schon damals bedroht, geschlagen und von Partnern oder Ex-Partnern getötet worden.
Was sich verändert habe, sei nicht die Gewalt selbst, sondern der Blick darauf.
Andrea Bartels-Pipo sprach an diesem Mittag nicht nur als Mitarbeiterin des Vereins „Frauen helfen Frauen“, sondern als jemand, der seit Jahrzehnten täglich mit den Folgen dieser Gewalt konfrontiert ist. Sie berichtete von Frauen, die zunächst nur zögerlich zum Telefon greifen.
„Viele fragen uns: Bin ich bei Ihnen überhaupt richtig? Ich habe ja keine blauen Flecken“, erzählte sie. Dabei beginne Gewalt oft lange vor dem ersten Schlag. Mit Kontrolle. Mit Demütigungen. Mit der Frage, wo man gewesen sei und mit wem man gesprochen habe. Mit dem Gefühl, immer kleiner zu werden.
Die Arbeit des Vereins, so Bartels-Pipo, sei ein ständiger Balanceakt. Das Frauenhaus und die Beratungsstelle würden durch eine Mischfinanzierung aus Landes- und Kreismitteln, kommunalen Zuschüssen und Eigenmitteln getragen. „Wir sind dankbar für jede einzelne Spende“, sagte sie. Verlässliche Finanzierungszusagen gebe es jedoch nur begrenzt. „Wir leben in gewisser Weise von Tag zu Tag.“
Besonders wichtig sei ihr die Präventionsarbeit. Sie müsse bereits in Schulen beginnen. Kinder und Jugendliche müssten lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen und die Grenzen anderer zu respektieren. „Prävention rettet Leben“, machte sie deutlich.
Die Zahlen unterstreichen die Dringlichkeit: Im Frauenhaus des Main-Taunus-Kreises stehen derzeit 24 Plätze zur Verfügung. Aktuell leben dort zehn Frauen und 14 Kinder. Gleichzeitig mussten im vergangenen Jahr 221 Frauen und 199 Kinder abgewiesen werden, weil kein Platz mehr frei war.
„Die gefährlichste Zeit für Frauen ist die Zeit der Trennung“, sagte Bartels-Pipo. Gerade dann brauche es ein funktionierendes Hilfesystem – und Menschen, die den Betroffenen den Weg dorthin zeigen.
Sie sprach auch über das große Dunkelfeld. Zwar sei die Zahl der bekannt gewordenen Fälle häuslicher Gewalt im Main-Taunus-Kreis im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen. Das bedeute jedoch nicht zwangsläufig, dass es mehr Gewalt gebe. Es könne ebenso Ausdruck dessen sein, dass mehr Frauen den Mut fänden, Hilfe zu suchen und Anzeige zu erstatten.
„Eine aktuelle Studie geht davon aus, dass nur fünf Prozent aller Fälle überhaupt angezeigt werden“, sagte Bartels-Pipo. „Wenn das stimmt, dann können wir uns vorstellen, wie groß das Dunkelfeld tatsächlich ist.“
Vielleicht ist es genau diese Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch die vergangenen Tage in Kelkheim zieht: Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Hinter jeder Statistik eine Geschichte. Und hinter jeder Geschichte die Hoffnung, dass jemand rechtzeitig hinschaut.
Stimmen, die gehört werden müssen
„Ich habe lange geglaubt, ich sei schuld, bis ich verstanden habe, dass Liebe nicht wehtun darf.“, „Ich bin nicht weggelaufen. Ich bin gegangen, um zu überleben.“, „Ich hatte Angst, dass mir niemand glauben würde, weil er nach außen so nett wirkte.“, „Gewalt fängt nicht erst damit an, dass du geschlagen wirst. Sie beginnt, wenn einer sagt: „Ich liebe dich – und du gehörst mir.“, „Ich bin nicht schwach, weil ich geblieben bin. Ich bin stark, weil ich es geschafft habe zu gehen.“
Es sind Sätze, die im ersten Moment schlicht wirken. Und gerade deshalb nachhallen. Sie erzählen von Frauen, die gelernt haben, sich selbst zu misstrauen. Von Isolation und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Von Scham, die stärker ist als die eigene Stimme. Und von einem Mut, den man oft erst erkennt, wenn man versteht, wie schwer es ist zu gehen.
Die Aussagen wurden mit Zustimmung der Betroffenen im Rahmen von Beratungsgesprächen gesammelt und anonym verlesen. Nicht, um Betroffenheit um ihrer selbst willen zu erzeugen, sondern um sichtbar zu machen, was allzu oft unsichtbar bleibt.
Es waren Worte, die den Marktplatz für einen Moment in einen Ort des Zuhörens verwandelten. Und es waren Worte, an die Stadtverordnetenvorsteherin Julia Ostrowicki erinnerte. Bereits wenige Tage zuvor hatte der evangelische Pfarrer Patrick Smith gesagt: „Wir wollen ein Zeichen setzen, dass Gewalt hier in unserer Stadt nicht das letzte Wort hat.“
„Deshalb sind wir heute hier: um zu gedenken, um zu erinnern, um zusammenzustehen und auch, um Trost zu spenden“, sagte Ostrowicki. Die unfassbare Tat habe die Menschen tief bewegt. In erster Linie gehe es jedoch um die Familie, die Freundinnen und Freunde, um die Zeuginnen und Zeugen und um diejenigen, die eingegriffen hätten.
Besonders eindringlich wurden ihre Worte, als sie den Blick auf die gesellschaftliche Debatte richtete. Es sei unerträglich, dass die Tat in den sozialen Medien politisch instrumentalisiert und für rassistische Äußerungen missbraucht werde.
„Ich schäme mich dafür und möchte mich ausdrücklich bei den Angehörigen entschuldigen, dass sie auch noch dem ausgesetzt sind“, sagte Ostrowicki. „Wir alle sind gefragt, dem entgegenzutreten. Wir sind alle gefragt, Würde, Menschlichkeit und Anstand einzufordern.“
Mit all den Gefühlen – Erschrecken, Schmerz, Hilflosigkeit, Angst, Wut und beinahe Sprachlosigkeit – könnten Worte und Gesten nur versuchen, Trost zu spenden, sagte sie weiter. Niemand solle mit seinen Gefühlen allein gelassen werden. Deshalb gelte ihr besonderer Dank allen Helfenden, die einfach da seien, berieten und trösteten.
Und schließlich sprach sie den Satz aus, der vielleicht am besten beschreibt, was in Kelkheim in diesen Tagen zu spüren ist: „Ja, wir wollen ein Zeichen setzen, dass Gewalt hier nicht das letzte Wort hat, sondern Solidarität, Zusammenhalt und Liebe.“
Zum Abschluss der Mahnwache hingen Besucherinnen und Besucher Karten an ein „Band der Verbundenheit“. Manche schrieben nur ein Wort. Andere einen Wunsch, einen Namen oder einen Gedanken. Aus vielen kleinen Botschaften entstand ein stilles Zeichen der Erinnerung – für die getötete Visnja, für ihre Angehörigen und für all jene, die Gewalt erfahren haben oder noch immer erfahren.
Die Frage nach dem Warum wird bleiben. Ebenso die Trauer. Vielleicht bleibt aber auch etwas anderes: die Erkenntnis, dass Wegsehen keine Option ist.
Denn das Dunkel verschwindet nicht, wenn man die Augen schließt. Aber manchmal reicht schon ein kleines Licht, damit jemand den Weg hinaus findet.
Unterstützung
Wer die Arbeit des Vereins „Frauen helfen Frauen“ unterstützen möchte, kann dies auf folgenden Wegen tun.
Spenden
Frauen helfen Frauen Main-Taunus-Kreis e.V.
Taunus Sparkasse
IBAN: DE 90 5125 0000 0002 0204 83
BIC HELADEF1TSK
Mitgliedschaft
Mit einer Mitgliedschaft können der Verein und seine Arbeit dauerhaft unterstützt werden. Der Mindestmitgliedsbeitrag beträgt monatlich 2,56 Euro und kann darüber hinaus gerne frei gewählt werden. Als Mitglied erhält man regelmäßige Informationen per EMail und kann sich bei der jährlichen Mitgliederversammlung persönlich über die Arbeit des Vereins informieren und mit den Mitarbeiterinnen ins Gespräch kommen.


