Migrationsgeschichte beim Tag der Archive

Menschliche Schicksale von Vertriebenen, Flüchtlingen und Migranten zwischen Aktendeckeln: Flüchtlingsausweis des 1946 aus Schlesien vertriebenen Deutschen Alfons Schinke, der neue Heimat im Obertaunuskreis fand.

Hochtaunus (a.ber). „Flüchtlings-Ausweis“ steht in nüchterner Blockschrift auf dem kleinen grauen Dokument aus minderwertigem Papier, das auf einem Ausstellungstisch im Foyer des Landratsamtes in Bad Homburg liegt. Es liegt auf dem Antrag auf Ausstellung eines Flüchtlingsausweises, den Alfons Schinke nach seiner Ankunft 1946 in Oberursel hatte ausfüllen müssen. Die Verwaltungsakte aus dem Bestand des „Bundesvertriebenengesetz (BVFG)“ von 1948 lagert im Kreisarchiv des Hochtaunuskreises; bürokratisches Zeugnis des Schicksals eines Mannes aus dem schlesischen Neuwaltersdorf, der Ende des Zweiten Weltkriegs aus seiner Heimat vertrieben worden war und hier im damaligen Obertaunuskreis strandete. „Alte Heimat – neue Heimat. Migration als Thema in Archiven und Museen“ stand im Fokus des bundesweiten Tags der Archive.

Migration als Dauerthema

Das Kreisarchiv des Hochtaunuskreises öffnete mit einer Veranstaltung dazu nicht nur seine Aktenbestände und zeigte an Beispielen, wie akribisch das Thema Einwanderung fremder Menschen erfasst werden konnte und ausgewertet werden kann. Wie durch Fenster konnten zahlreiche Besucher in den ausgestellten Archivalien und den Vorträgen an diesem Abend auch erkennen, wie vielschichtig die hochaktuelle Problematik von Flucht, Einwanderung und Auswanderung ist; und wie bürokratisch-oberflächlich und menschlich-tiefgründig Archivare und Geschichtsinteressierte in die Thematik einsteigen können. Ob „Migration im Hochtaunuskreis immer gelungen“ ist, wie Landrat Ulrich Krebs bei seiner Begrüßung behauptete? Die Auszubildende des Kreisarchivs, Marie-Theresa Stürmer, die die Begleitausstellung „Migrationsgesellschaft(en) im Kreisarchiv Hochtaunuskreis“ als Abschlussarbeit ihrer Ausbildung zur Archiv-Fachangestellten bei Kreisarchivar Peter Maresch zusammengestellt hatte, fand vorsichtigere Worte: „Das Thema bewegt Menschen. Besonders die Menschen, die selbst betroffen sind. Es ist wichtig zu wissen, dass die eigene Migrationsgeschichte im Archiv aufgehoben ist. Dass man sich selbst finden kann, als Individuum mit seinem Schicksal“, so die studierte Geschichtswissenschaftlerin und Philosophin. Sie hatte auf den Tischen weiße Handschuhe zurechtgelegt – jeder konnte Dokumente, Fotos und Karten vorsichtig in die Hand nehmen und betrachten. Zeugnisse von Amts wegen, Bilder von Ankunft, Willkommen und Ablehnung, oft jahrelang andauernden provisorischen Lebensumständen in der neuen Heimat, von Verteilungskonflikten und von politischen und nachbarschaftlichen Integrationsbemühungen, Zeugnisse von Hoffnung und Ideenreichtum der Zugewanderten und Gestrandeten. „Wir sind hier in Zentraleuropa ein Ort des Kommens und Gehens. Die ‚gute alte Zeit‘? Die hat es nie gegeben“, so drückte es Jens Scheller, Leiter des Freilichtmuseums Hessenpark, in seinem Vortrag aus.

Stadtflucht und Gastarbeiter

Mit Samthandschuhen waren die ab 1685 nach Friedrichsdorf, Homburg und Dornholzhausen eingewanderten französischen Glaubensflüchtlinge, Hugenotten und Waldenser damals nicht angefasst worden, aber sie integrierten sich. Lithographien, Bibliotheksgut und Ansichtskarten aus dem Kreisarchiv erzählen davon. Kreisarchivar Maresch holte im Vortrag noch weiter aus. Er erwähnte die frühe Migrationsgeschichte der römischen Epoche im Taunus, „von der das Boden-Archiv der Archäologie zeugt“; die Kolonisations- und Siedlerbewegung sowie Land- und Stadtflucht ab dem 13. Jahrhundert; die „Gastarbeiter“-Arbeitsmigration seit 1960. Zu Kriegsvertriebenengeschichte und DDR-Flüchtlingen sei ein großer Aktenbestand da, aber noch unerforscht. „Die Akten zur Nazizeit sind fast vollständig aus dem Kreisarchiv verschwunden.“ Migration sei eine Kreis-Aufgabe, „aber nicht immer ist alles gut im Archiv bezeugt“, so Maresch. Erlebnis- und Gefühlswelt und der Alltag der Menschen lasse sich weniger gut über Akten, sondern eher über erschienene Zeitungsartikel abbilden. Dass die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen der Jahre 1945-1955 – im Dezember 1950 im Obertaunuskreis und im Landkreis Usingen zusammen immerhin 16.265 registrierte Personen – oft in ehemaligen Arbeits- und KZ-Außenlagern der Nazizeit untergebracht wurden: kein schöner Gedanke.

Schon vor Beginn der Vorträge kam Archivarin Marie-Theresa Stürmer mit Zeitzeugen ins Gespräch. Eine heute 83-Jährige, die 1945 Flüchtlingskind gewesen war, erzählte, sie helfe aufgrund ihrer damals prägenden Erfahrungen von Unsicherheit und erfahrener menschlicher Hilfe heute Grundschulkindern mit Migrationshintergrund bei der Integration; ein Friedrichsdorfer Bürger erinnerte sich „an Leute aus dem Sudetenland, die meine Mutter aufnahm – das war so eine Bereicherung für uns! Mit ihnen kam Neues hierher – bei dem ganzen Filz der Vergangenheit hier in Friedrichsdorf“.

Das Freilichtmuseum Hessenpark ist heute ein exemplarischer Ort für das Thema „Alte Heimat – neue Heimat“. Museumsleiter Jens Scheller zeigte in Wort und Bild Beispiele der Aufarbeitung von Migration und Vertreibung und das große Engagement, mit dem das Museum auch die jüngere Migrationsgeschichte dokumentiert. Jüngst wurde eine lange an den Drei Hasen in Oberursel stehende und bis 2016 betriebene Container-Unterkunft mit Original-Mobiliar in den Hessenpark versetzt: Dort wird die Dauerausstellung „Auf der Suche nach Asyl“ gezeigt. Im April 2026 eröffnet zum Schwerpunkt „Jüdische Schicksale“ eine laut Scheller „nüchterne, faktenbasierte Dauerausstellung zu nationalsozialistischen Orten in Hessen, in einem alten Reichsbahn-Güterwaggon, mit dem Titel ‚Transporte ins Ungewisse – Menschliche Fracht‘“. Heimat verlieren, Heimat finden, Heimat bewahren – das sind nach wie vor Themen mit Sprengkraft, politisch wie menschlich.

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