275 Tage tackernde Schreibmaschinen

Von Jürgen Streicher

Steinbach. Der Countdown läuft seit Montag, es war der 79. Jahrestag seit Inkrafttreten der Hessischen Landesverfassung. Es ist heute die älteste Verfassung eines deutschen Landes, die noch in Kraft ist. Vor dem Bürgerhaus, also an der „Herzader der Stadt“, ist seit ein paar Tagen eine Open-Air-Ausstellung zu sehen, die an den Meilenstein in der demokratischen Entwicklung des Hessenlandes erinnert.

Zur „Herzader der Stadt“ hat Bürgermeister Steffen Bonk den Vorplatz beim Besuch von Christian Heinz ernannt. Der Justizminister aus Wiesbaden kam vorbei, um mit Bonk, der Stadtpolitik und den Landtagsabgeordneten Elke Barth und Sebastian Sommer die Eröffnung der Ausstellung „275 Tage Die Entstehung der Hessischen Verfassung“ zu feiern. Das Volk soll dies möglichst das ganze Jahr bis zum 80. Jahrestag am 1. Dezember 2026 in ganz Hessen feiern. Um sich daran zu erinnern, was die Vorväter und -mütter da geschaffen haben und wie dankbar die Menschen dafür sein können.

Steinbach hat das Privileg der Premiere der neuen Ausstellung wie einst auch bei der Ausstellung der ersten originalen Faksimiles. Darauf sei die Stadt stolz, sagt Bonk bei der Begrüßung der Gäste im Bürgerhaus-Clubraum. „Dreieinhalb Monate vor der Kommunalwahl können wir stolz sein auf 80 Jahre in Frieden und Freiheit.“ In seinem kurzen Rückblick betonte der Minister, dass die Landesverfassung „eine Sache von allen“ sei, ein Grund zum Feiern mit allen. Dass es gelungen sei, dieses Werk mit 160 Artikeln in so kurzer Zeit nach dem Kriegsende bis 1946 zu schaffen, sei „schon fast ein Wunder“ gewesen. Es habe sich seitdem viel verändert, aber die Verfassung stehe und atme seitdem den Geist „Nie wieder!“.

Das Tackern der alten Schreibmaschinen war damals 275 Tage zu hören, bis die erste Landesverfassung im Nachkriegsdeutschland stand. Ihre Entstehungsgeschichte mit allen Fakten, Geschichten Bildern und all den Personen im Entwicklungsprozess soll die Ausstellung nachzeichnen. Die Steinbacher können sie sozusagen im Vorbeigehen erleben. Die emsigen Hundegänger in kurzer Pause beim ersten Morgenspaziergang, Schüler auf dem Weg zur Schule, Paare, Passanten unterwegs auf der Herzader. Demokratiebildung im öffentlichen Raum durch ein Open-Air-Format, möglich macht das ein neues Konzept. Die wesentlichen Ankerpunkte analog auf großen Planen am Bauzaun, den Rest kann man sich mitnehmen, über QR-Codes 18 Videos in schwarz-weiß aktivieren, die in die Tiefe führen.

Demokratiegeschichte in den Fokus

Am liebsten würden die Macher die Ausstellung durch alle über 400 Kommunen, Dörfer, Städte in Hessen schicken. „Bauzäune haben ja alle“, so Christoph Schlott vom „Neuen Königsteiner Kreis“, der das Konzept der Ausstellung entwickelt hat. Es ist das Ziel der Wissenschaftler, Journalisten und Publizisten des Kreises, die Demokratiegeschichte Deutschlands öffentlich in den Fokus zu rücken. Ganz speziell auch für lokale und regionale Identitätsfindung auf kommunaler Ebene. Christoph Schlott ist der begeisterte und begeisternde Frontmann des Königsteiner Kreises bei dieser Ausstellung. „Wir wollen alle ansprechen, keine Berührungsängste. Wir wollen auch die Uninteressierten.“ Wie kriegen wir das hin? Die Antwort war letztlich einfach. „Wir gehen hin, wo die Leute auch hingehen oder vorbeikommen, zu einer Baustelle. Also was da aussieht wie eine Baustelle vor dem Bürgerhaus ist für vier Wochen eine Ausstellung, die an der „Herzader“ der Stadt ins Herz der Demokratie führt.

Muss in fünf Minuten lesbar sein

Fast 90 Bauzäune wären möglich, die Organisatoren haben sich für sechs Exemplare entschieden. Mit Botschaften konzentriert auf das Wesentliche, „das muss in fünf Minuten lesbar sein“. Den Verweis auf die kurze Aufnahmefähigkeit der meisten Menschen im dahinflitzenden 21. Jahrhundert verkneift er sich, aber nicht die Anmerkung, es sei ja auch ein erster Versuch, Jugendliche für die Hintergründe von Verfassung und Demokratie zu begeistern. Die digitale Vernetzung in diesen Kreisen, dass auch Menschen die Ausstellung nachvollziehen können, die an Orten ohne Bauzäune leben. Grundgedanke: Das System könnte sich verselbständigen, eine Welt der Bauzaun-Ausstellungen mit QR-Codes und Handy.

Es sind spannende Informationen, die den aufmerksamen Betrachter erreichen, und vor allem spannende Videos, die zurück in die Zeit des Aufbruchs nach dem Krieg führen. Wie die Zeitungswelt entsteht, wie erste Lizenzen fürs Radio vergeben werden, bewegte Bilder vom ersten Kongress der „Freien Deutschen Presse“ im Oktober 1945 in Marburg, die ersten Hessenwahlen und viele andere Sensationen, die es wert sind, sie zu sehen.

Eröffnung der Ausstellung im temporären Freiraum-Museum vor dem Bürgerhaus: Sechs Bauzäune, sechs Motive, Bürgermeister Steffen Bonk, Justizminister Christian Heinz, Christoph Schlott vom Königsteiner Kreis und Stadtrat Lars Knobloch präsentieren den Fotografen das moderne Outdoor-Format (v. l.). Foto: js

Vorbereitung im warmen, leicht verdunkelten Raum Pijnacker im Bürgerhaus: Christoph Schlott vom „Neuen Königsteiner Kreis“ (r.) erläutert die 275 Tage der Entstehung der Hessischen Verfassung vor interessiertem Publikum.Foto: js

Ein Bauzaun, eine bedruckte Plane und immer mindestens ein QR-Code zur Verbindung mit vertiefenden Viodeos aus der Entstehungszeit der Hessischen Verfassung. Hier geht es um die Urschrift (ganz rechts im Bild)Foto: js

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