Bad Homburg (eh). Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht verstaubt wirkt, sondern plötzlich lebendig wird. Orte, an denen sich Vergangenheit, Gegenwart und ein wenig britische Eleganz auf besondere Weise begegnen. Genau ein solcher Ort ist das Museum Gotisches Haus am Rand des Großen Tannenwalds in Bad Homburg. Und genau dort wird am Freitag, 22. Mai, eine besondere Tradition wieder aufleben: Mit einem „High Tea mit Überraschungen“ feiern das Museum Gotisches Haus und der neu gegründete Freundeskreis Gotisches Haus den 256. Geburtstag der britischen Prinzessin Elizabeth von Großbritannien, Irland und Hannover – später Landgräfin von Hessen-Homburg. Der Titel der Veranstaltung klingt bewusst modern, charmant und ein wenig britisch-verspielt: „Happy Birthday, Eliza“. Dahinter steckt jedoch weit mehr als ein stilvoller Nachmittag mit Tee und englischem Flair. Die Veranstaltung soll zugleich Menschen für das Museum begeistern, die Geschichte der Stadt erlebbar machen und neue Mitglieder für den erst 2025 gegründeten Freundeskreis gewinnen.
„Wir wollten eine historische Tradition wieder aufleben lassen“, erklärt Prof. Dr. Thomas Beilner, Vorsitzender des Freundeskreises Gotisches Haus. Gemeinsam mit Museumsdirektorin Dr. Ursula Grzechca-Mohr möchte er zeigen, dass Geschichte durchaus modern, lebendig und gesellschaftlich relevant sein kann. Die Idee knüpft an die verstorbene Bad Homburger Ehrenbürgerin und Stadtgeschichtsforscherin Gerta Walsh an, die viele Jahre lang den Geburtstag der Landgräfin Elizabeth im Gotischen Haus gefeiert hatte.
Das Gotische Haus ist dafür der vielleicht passendste Ort. Am Rand des Großen Tannenwalds gelegen, eingebettet in die historische Landgräfliche Gartenlandschaft, erzählt es selbst eine Geschichte von europäischer Kultur, höfischer Repräsentation, Wandel, Verlust und Wiedergewinnung. Errichtet wurde das Gebäude 1823 im Auftrag der Landgräfin Elizabeth für ihren Ehemann, Landgraf Friedrich VI. Joseph von Hessen-Homburg. Ursprünglich als Jagdschlösschen gedacht, konnte es diese Funktion nach dem Tod des Landgrafen im Jahr 1829 nie wirklich aufnehmen. Stattdessen wurde es im Laufe der Jahrzehnte zu einem Gebäude mit vielen Lebensphasen: umgenutzt, verändert, beschädigt, wiederhergestellt – und schließlich zum Museum. Seit 1985 beherbergt es das Museum Gotisches Haus, das aus dem 1916 gegründeten Städtischen historischen Museum hervorgegangen ist.
Nach fast sechs Jahren Sanierung ist das Gotische Haus seit Herbst 2025 wieder zugänglich. Es wurde technisch auf den neuesten Stand gebracht, mit einem zusätzlichen Treppenhaus ausgestattet und klimaneutral gemacht. Außen zeigt es sich weiterhin in der historischen Formensprache der Tudor-Gotik – einer Gestaltung, die auf dem europäischen Festland eine Besonderheit darstellt. Innen dagegen ist das Haus heute ein funktionaler Museumsbau, der moderne Technik nutzt, um kostbare Objekte der Sammlung für kommende Generationen zu bewahren.
Prinzessin Elizabeth wurde am 22. Mai 1770 in London geboren. Sie war das siebte von insgesamt 15 Kindern und die dritte Tochter von König Georg III. und Königin Charlotte, einer geborenen Prinzessin zu Mecklenburg-Strelitz.
Dass Königin Charlotte heute auch durch die Serie „Bridgerton“ wieder stärker in das Bewusstsein eines breiteren Publikums gerückt ist, verleiht der historischen Erzählung eine überraschend moderne Brücke.
Am 7. April 1818 heiratete Elizabeth im Alter von 48 Jahren den fast gleichaltrigen Landgrafen Friedrich VI. Joseph von Hessen-Homburg. Für eine Prinzessin ihrer Zeit war das eine späte Ehe. Für Hessen-Homburg aber wurde sie zu einem Glücksfall. Elizabeth brachte nicht nur ihre Herkunft, Bildung, Kunstsinnigkeit und höfische Erfahrung mit, sondern auch finanzielle Mittel und ein ausgeprägtes Interesse daran, ihr neues Umfeld mitzugestalten.
„Bad Homburg hat Elizabeth sehr viel zu verdanken“, sagt Prof. Dr. Thomas Beilner, Vorsitzender des Freundeskreises Gotisches Haus e.V. Ihre späte Vermählung mit „Fritz“, wie der Landgraf vertrauter genannt wurde, habe der Stadt einen Aufschwung gegeben – kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Die englischen Impulse, die bis heute in Bad Homburg zu spüren seien, gingen wesentlich auf Elizabeth zurück. Die Stadt entwickelte sich zu einem weltoffenen, lebendigen und kulturell geprägten Ort. Gerade diese internationale Dimension macht Elizabeth für Beilner so aktuell. „Bad Homburgs Geschichte ist eine internationale Geschichte voller Diplomatie und Weltoffenheit“, sagt er.
Das Museum als Treffpunkt
Der „High Tea mit Überraschungen“ greift dabei auf charmante Weise die englische Herkunft Elizabeths auf. Tee, Gespräch, Kultur und Geselligkeit verbinden sich zu einem Format, das sowohl historisch als auch zeitgemäß wirkt. Was genau die Gäste erwartet, soll nicht vollständig verraten werden. Doch Beilner verspricht einen „sehr schönen, entspannten und interessanten Nachmittag“, bei dem man viel über Elizabeth, das Gotische Haus und die Geschichte Bad Homburgs erfahren könne. Der High Tea soll keine steife Museumsveranstaltung werden, sondern ein lebendiges Beisammensein mit Atmosphäre, Gesprächen und historischen Entdeckungen.
Für Museumsleiterin Grzechca-Mohr ist das Museum Gotisches Haus ein Ort, an dem Besucher in den Alltag vergangener Zeiten eintauchen können – besonders in den der Prinzessin Elizabeth. „Hier ist ein Eintauchen in den Alltag der königlichen Hoheiten möglich“, sagt sie. Das Haus, die Sammlung und die Objekte erzählten nicht abstrakt von Geschichte, sondern unmittelbar, anschaulich und sinnlich erfahrbar.
In Zeiten von Digitalisierung, Schnelllebigkeit, Künstlicher Intelligenz und Fake News bekommt die Frage nach dem Original eine neue Dringlichkeit. Für Grzechca-Mohr sind Museen heute keineswegs überholt. Im Gegenteil: Sie können zu Orten werden, an denen Menschen verlässliche Anker finden. „Die Frage nach dem Original, nach der Entstehung und der Geschichte wird in Zeiten von KI und Fake News immer wichtiger“, betont sie. Geschichte werde nicht nur gelesen, sondern erlebt – direkt vor Ort, an authentischen Schauplätzen und mit realen Objekten. Gerade das Gotische Haus mit seiner besonderen Lage, seiner Architektur und seiner Sammlung könne ein solcher Ort sein.
Dazu gehört auch die Atmosphäre. Das Haus liegt am Waldrand, in der historischen Gartenlandschaft, und verbindet Museum, Natur, Architektur und Begegnung. Besucherinnen und Besucher können Ausstellungen sehen, durch die Gartenlandschaft spazieren und im Café einkehren. Grzechca-Mohr schätzt diese Verbindung sehr. Sie spricht von der „tollen Atmosphäre in diesem wunderbaren Gebäude“ und erwähnt mit sichtbarer Freude auch das Café – samt Käsekuchen, Sachertorte und der Möglichkeit, draußen in der Gartenlandschaft zu sitzen.
Mit dem Freundeskreis in die Zukunft
Mit der Veranstaltung „Happy Birthday, Eliza“ möchte sich auch der neue Freundeskreis Gotisches Haus stärker der Öffentlichkeit vorstellen. Der Verein wurde am 25. März 2025 gegründet und hat seinen Sitz an der Gotischen Allee 1 in Bad Homburg. Sein Ziel ist es, die Aktivitäten des Städtischen historischen Museums im Gotischen Haus sowie die städtische Kunstsammlung mit eigenen Aktivitäten zu unterstützen und damit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu gehören laut Satzung unter anderem finanzielle Unterstützung beim Ankauf oder bei Patenschaften für Kunstobjekte, Hilfe bei museumspädagogischer Arbeit, Unterstützung bei Restaurierungen sowie bei Vortragsveranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit. Der Verein sieht sich damit in einer langen Bad Homburger Tradition. Denn schon die Entstehung des Museums war eng mit bürgerschaftlichem Engagement verbunden. Bad Homburger Bürgerinnen und Bürger legten den Grundstein für die Sammlung des Städtischen historischen Museums. Diese Geschichte ist für den Freundeskreis Verpflichtung und Inspiration zugleich. „Es waren immer Freundinnen und Freunde, die mithalfen, die städtische universelle Sammlung weiterzuentwickeln, Exponate aufzuarbeiten, die stadtprägende Kunst der Öffentlichkeit nahezubringen und anhand der Kunst- und Kulturobjekte die Entwicklung von Bad Homburg sichtbar zu machen“, so der Vorsitzende. Thomas Beilner, selbst kunst- und kulturinteressiert und als Rotarier mit bürgerschaftlichem Engagement vertraut, sieht im Freundeskreis eine wichtige Scharnierfunktion zwischen Museum und Stadt. Der Verein könne Dinge leisten, die eine öffentliche Institution allein oft nur schwer leisten könne: zusätzliche Veranstaltungen initiieren, Netzwerke aufbauen, Marketing unterstützen, pädagogische Konzepte stärken, Kontakte zu Förderern knüpfen und gegebenenfalls auch bei Ankäufen oder Restaurierungen helfen. Beilner denkt zudem an Exkursionen, besondere Veranstaltungsformate und ein lebendiges Netzwerk für alle, denen das Gotische Haus am Herzen liegt.
Menschen für Geschichte begeistern
Besonders wichtig ist dem Freundeskreis, nicht nur ein Kreis älterer Kulturfreunde zu sein. Mit Angeboten wie „Club 18“ und „Club 25“ sollen bewusst auch junge Menschen angesprochen werden. Beilner spricht von „Orten der Spurensuche für die Jugend“. Geschichte sei nicht nur Rückblick, sondern eine wichtige Grundlage, um Gegenwart zu verstehen und Zukunft zu gestalten. Gerade junge Menschen könnten aus der Vergangenheit lernen, wenn Geschichte lebendig und nahbar vermittelt werde. Was würde er einem jungen Menschen sagen, der Geschichte für verstaubt hält? Beilner antwortet knapp und prägnant: „History repeats.“ Geschichte wiederhole sich zwar nicht immer eins zu eins, aber sie liefere Muster, Erfahrungen und Erkenntnisse, die für heutige Entscheidungen wertvoll seien. Grzechca-Mohr ergänzt den Gedanken aus musealer Perspektive. In einer digitalen Welt gehe es auch darum, Spuren zu hinterlassen – und Spuren zu lesen. Wer ein Original betrachte, wer die Herkunft eines Objekts verstehe, bekomme einen anderen Zugang zur Welt als über flüchtige Bilder auf dem Bildschirm.
Kleine Objekte, große Geschichten
Wie lebendig solche Geschichte sein kann, zeigt ein besonderes Objekt aus dem Umfeld Elizabeths – eines der Lieblingsstücke von Thomas Beilner: eine „Cutlery Urn“. Dabei handelt es sich um eine Mahagoni-Urne, deren Formensprache auf antike Vorbilder zurückgeht. Solche Urnen dienten ursprünglich der Aufbewahrung von Besteck. Im Inneren befand sich ein herausnehmbarer Einsatz, in dessen Falten Messer oder anderes Besteck gesteckt wurden. Präsentiert wurden sie häufig auf Kamingesimsen – als repräsentative Objekte eines gehobenen Haushalts. Elizabeth brachte zwei solcher Urnen mit nach Bad Homburg. Doch die Geschichte des Objekts endete nicht im höfischen Speisezimmer. Im 19. Jahrhundert wurden die Urnen mit Schlitzen versehen, um Wahlzettel einwerfen zu können. Aus einer Besteckurne wurde eine Wahlurne. Sie erhielt Siegelabdrücke zum sicheren Verschluss und wurde so Teil politischer Geschichte.
Das Gotische Haus entdecken
Wer zum „High Tea“ kommt oder das Museum bei anderer Gelegenheit besucht, kann zugleich die aktuellen Ausstellungen erleben. Das „Miniaturenkabinett – Große Kunst im kleinsten Format“ widmet sich kleinformatigen Bildnissen, und die Ausstellung „Von P. J. Mêne bis H. R. Freder – Skulpturen der Sammlung“ zeigt Plastiken und Skulpturen aus dem Bestand des Museums.
Wer Mitglied im Freundeskreis Gotisches Haus wird, unterstützt nicht nur ein Museum, sondern ein Stück Bad Homburger Identität. Der Freundeskreis möchte dazu beitragen, dass die Sammlung lebendig bleibt, dass Objekte restauriert und vermittelt werden können, dass Kinder und Jugendliche Zugang zu Geschichte bekommen und dass das Gotische Haus als kultureller Treffpunkt weiter wächst. Doch vermutlich ist der wichtigste Grund ein anderer: Man wird Teil eines Kreises von Menschen, die Geschichte nicht nur bewahren, sondern gestalten möchten. Menschen, die neugierig sind, die Freude an Kultur haben und die Bad Homburgs besondere Identität weitertragen wollen.
Am 22. Mai wird also nicht nur der Geburtstag Elizabeths gefeiert. Gefeiert wird auch die Idee, dass Geschichte Menschen zusammenbringen kann. Bei Tee statt Kaffee. Mit britischem Charme. Und mit einer Landgräfin, die Bad Homburg bis heute viel zu erzählen hat.
Weitere Informationen zum Museum Gotisches Haus und zum Freundeskreis sind unter www.bad-homburg.de zu finden.
Persönliche Spur der Landgräfin: Das Porzellankännchen gestaltete die kunstinteressierte Elizabeth selbst für ihren Ehemann Friedrich VI. Joseph, den sie liebevoll „Fritz“ nannte. Foto: eh
Die Landgräfin Elizabeth, um 1879, als posthumes Porträt, gemalt von Thomas Heinrich Voigt, dem Sohn des Hofmalers Johann Friedrich Voigt. Foto: Norbert Miguletz



