Bad Homburg (js). Für die dicken Schneeflocken, die den Gustavsgarten in eine weiß gewebte Winterwunderlandschaft verwandelten und die Villa Wertheimber umschwebten, hatte Necati Öziri in der vergangenen Woche keinen Blick. Oder auch einfach keinen Platz in seinem Kopf, in seinem schreibenden Ich. Nicht mal für die riesigen „Emissary Cats“ auf zwei Beinen von Laura Ford, Skulpturen im Park, die im Schnee besonders gut zur Geltung kommen. Diese Welt da draußen vor dem Fenster passt nicht zum Tunnelblick, den er braucht, die Figuren für seinen neuen Roman zu entwickeln. Necati Öziri ist derzeit in einer anderen, nicht öffentlichen Welt unterwegs, er arbeitet am Grundstock eines neuen Romans. Hat aber trotzdem Zeit für einen kurzen Besuch von Kulturamtsleiterin Bettina Gentzcke und die lokale Presse.
Wenn er schreibt, sei er „abwesend“, sagt der Schriftsteller und Dramaturg, der 2023 mit seinem Debütroman „Vatermal“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises auftauchte und für Aufsehen gesorgt hat. Und zum Schreiben ist er ja schließlich hier. Also fast nur noch im eigenen Kosmos unterwegs, nur ein paarmal habe er die Villa bisher verlassen, es gibt so viel zu tun in dieser schwierigen Phase. Er genießt den Luxus, dieses innere Abenteuer in einem geräumigen Apartment im Dachgeschoss der Villa am Stadtrand von Bad Homburg zu erleben. Jenseits vom Lärm der Stadt, vor allem in den Abend- und Nachtstunden ist die Ruhe schon fast gespenstisch. Wenn nur noch die Treppenstufen knarren. Öziri schreibt zu allen Tages- und Nachtzeiten, wenn er auf der Suche ist, neben seinem Laptop stapeln sich Bücher, ganz oben auf der eigenen Lese-Shortlist zurzeit Romane von Annie Ernaux, der Nobelpreisträgerin von 2022.
Necati Öziri hat im vergangenen Sommer den Hölderlin-Förderpreis von der Stadt Bad Homburg bekommen, dotiert mit 7.500 Euro und nun im Nachspiel mit einem zweimonatigen Aufenthalt in der Hölderlin-Wohnung ganz oben unter dem Dach der Villa Wertheimber. Da kann der 37-jährige Autor aus dem westfälischen Datteln, Sohn türkischer Eltern, der mit seiner alleinerziehenden Mutter im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, mal ganz unter sich sein. „Ruhe, Rückzug, Abgrenzung von der Welt“. An einem neuen Projekt arbeiten, für das im umtriebigen Berlin Kreuzberg, wo er sonst lebt, manchmal die Zeit fehlt.
Mit Hölderlin hatte Necati Öziri bisher wenig zu tun. Das ehre Hölderlin, hatte er lächelnd im Sommer 2025 gesagt, als er in der Schlosskirche ausgezeichnet wurde. Es spreche für den Dichter, der in der Kurstadt seine Spuren hinterlassen hat, es gebe wohl noch keinen Grund zur Konfrontation. Andere Kollegen aus den alten Tagen kommen da nicht so gut weg, die deutsche Literaturgeschichte biete reichlich rassistische, antisemitische und sexistische Texte. So viel Hölderlin um ihn herum irritiert den Autor nicht, auf dessen Wegen zu wandeln, in der Literatur und in der Forschung oder in der Stadt, ist nicht seine Aufgabe.
Die Arbeit am zweiten Roman ist anders als bei seinem Debütroman „Vatermal“, eigentlich ein langer Brief an den abwesenden Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat, eine Familiengeschichte, auch ein Porträt dieses Landes. Da hat er „frei drauflos geschrieben“, jetzt ist alles „viel langsamer“, das Buch „hat noch keinen Tunnel“. Und irgendwie ist der 37-jährige Schriftsteller auch noch im „Nachbeben“ seines viel rezensierten Buches. Arbeit am Drehbuch für eine Verfilmung, Übersetzungen, Theaterprojekte, da kommt er ja eigentlich her, gehörte der Dramaturgie am Maxim Gorki Theater in Berlin an.
Seit Mitte Januar arbeitet Necati Öziri in der Hölderlin-Wohnung, noch einen Monat wird er bleiben, bevor es weiter geht nach Marseille und dann zum Theater in München. Eine Lesung im Kaiser-Friedrich-Gymnasium vor 120 jungen Menschen steht an, darauf freut er sich sehr. Auch auf die Gesprächsrunde, solche Termine sind ihm wichtig, „ich liebe Lesungen“. Authentisches Nachbeben zum „Vatermal“, da lernt er jedes Mal was Neues.
Die fünf Katzenskulpturen von Laura Ford mit dem Titel „Emissary Cats“ kann Öziri beim Blick aus dem Fenster im Gustavsgarten bewundern.Foto: js
Schriftsteller Necati Öziri hat an seinem Schreibtisch in der Hölderlin-Wohnung Platz genommen.Foto js

