Als plötzlich die Schattenmänner im Klassenzimmer auftauchten

Da hinten, da sind sie – die Schattenmänner! Armin Pongs gelingt es innerhalb weniger Minuten die Jungen und Mädchen in seinen Bann zu ziehen. Sie folgen ihm in den Brunnenschacht und in Saids Zimmer, denn alles dreht sich um den magischen Kalender.Foto: Judith Ulbricht

Kinderbuchautor Armin Pongs nimmt Drittklässler der Pestalozzischule mit in die Welt des „Magischen Kalenders“ – und zeigt, warum Lesen reich macht

Kelkheim (ju) – Der Brunnenschacht ist dunkel. Irgendwo dort unten liegt ein geheimnisvolles Buch, und draußen warten schon die Männer mit den schwarzen Hüten. Schattenmänner. Sie dürfen das Buch auf keinen Fall bekommen. Noch weiß niemand, was in seinen Seiten steckt, doch eines ist klar: Es wird gefährlich. Sehr gefährlich.

Und plötzlich ist die Mensa der Pestalozzischule kein Klassenzimmer mehr.

Die Drittklässler hängen an den Lippen von Armin Pongs, der nicht einfach vorliest, sondern seine Geschichte regelrecht vor ihnen aufklappt. Er spricht, verändert seine Stimme, wird mal leise, mal eindringlich, macht Pausen genau dort, wo die Spannung kaum noch auszuhalten ist, und nimmt die Kinder mit in den Brunnenschacht, auf die Flucht vor den Schattenmännern und hinein in das Zimmer von Said. Vor den inneren Augen der Mädchen und Jungen entsteht eine ganze Welt – und dafür braucht es weder Bildschirm noch Spezialeffekte. Nur Worte. Und einen, der mit ihnen umzugehen weiß.

Was ist eigentlich ein Autor?

Bevor Armin Pongs überhaupt aus seinem „Magischen Kalender“ liest, stellt er erst einmal Fragen. Was ist eigentlich ein Autor? Wer weiß, was ein Grammophon ist? Und kennt jemand eine Stadt, die auf zwei Kontinenten liegt?

Die Hände schießen nach oben. Istanbul natürlich. Und überhaupt scheint das Wissen in dieser Mensa größer zu sein, als mancher Erwachsene vielleicht vermuten würde. Die Kinder überlegen, raten, antworten, ergänzen – und Pongs lässt sich darauf ein. So erzählt er ihnen ganz nebenbei, was ein Schriftsteller eigentlich macht: Er erfindet Geschichten, schreibt sie auf und schickt sie hinaus in die Welt. 29 Bücher hat er inzwischen geschrieben, und während andere vielleicht einen festen Arbeitsplatz haben, ist Pongs unterwegs. Jeden Tag an einer anderen Schule irgendwo in Deutschland, immer mit einem Koffer voller Geschichten und der Frage im Gepäck, ob es ihm gelingt, Kinder für Bücher zu begeistern. An diesem Vormittag gelingt es ihm.

Die Idee zum „Magischen Kalender“ kam ihm in Istanbul. Pongs saß dort bei einer Tasse Tee und las einen Artikel darüber, dass immer mehr Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Aus dieser Nachricht entstand die Idee für eine Geschichte, in der Kinder nicht einfach nur Abenteuer erleben, sondern sich aufmachen, bedrohte Tiere zu retten. So wurden Aron, Taya, Anne und Said zum „magischen Quartett“, das gemeinsam mit Professor Leonard von Löwenstein und einem magischen Kalender auf abenteuerliche Reisen geht. Ein geheimnisvolles Buch, eine sagenumwobene Burg, ein Postbus, der die Kinder in Lichtgeschwindigkeit an die verschiedensten Orte der Welt bringt – und immer wieder die Schattenmänner, die ihnen die Rettungsaktionen schwer machen.

Pongs erzählt davon nicht wie aus einem Klappentext, sondern lässt die Geschichte passieren. Seine Stimme wird zum Motor, der die Kinder durch den Brunnenschacht zieht, seine Hände zeigen, wo es langgeht, und wenn es spannend wird, ist es plötzlich ganz still im Raum. Die Mädchen und Jungen hören zu, lassen ihn erzählen und scheinen für einen Moment tatsächlich dort zu sein, wo Aron und seine Freunde gerade um ihr Abenteuer kämpfen.

Ein Buch macht reich – nur anders

Irgendwann aber legt Pongs das Buch zur Seite. Denn er will den Kindern nicht nur erzählen, was in seinen Geschichten passiert, sondern auch, warum ihm das Lesen so wichtig ist.

Vor fünf Jahren, erzählt er, seien bei seinen Lesungen noch viel mehr Hände nach oben geschnellt, wenn er gefragt habe, wer zu Hause regelmäßig lese oder vorgelesen bekomme. Heute sehe das vielerorts anders aus. Dabei sei Sprache der Schlüssel: Aus Worten entstünden Bilder, aus Bildern entstehe Fantasie. Ein Film, ein Tablet oder ein Computerspiel liefere die Bilder bereits fertig – beim Lesen müssten sie im eigenen Kopf entstehen. Und genau dort, sagt Pongs sinngemäß, liege der eigentliche Reichtum.

Er selbst sei durch das Lesen reich geworden, allerdings nicht unbedingt auf dem Konto, sondern reich an Fantasie, an Geschichten und an Bildern in seinem Kopf. Diesen Reichtum wünsche er auch den Kindern.

Dass er selbst schon früh Geschichten im Kopf hatte, beweist eine kleine Anekdote: Sein erstes Buch, „Der Junge ohne Namen“, habe er bereits in der dritten Klasse geschrieben. Veröffentlicht wurde es allerdings nicht – Pongs erzählt das mit einem Augenzwinkern. Vielleicht war die Welt damals einfach noch nicht bereit für diesen jungen Schriftsteller. Heute ist sie es.

Pongs beschäftigt sich dabei nicht nur als Autor mit dem Lesen. Er hat Psychologie und Soziologie studiert und war unter anderem am Max-Planck-Institut tätig; in seinen Vorträgen verbindet er seine wissenschaftlichen Erfahrungen mit der Frage, was Lesen mit Kindern und ihren Köpfen macht. Auf seiner eigenen Seite beschreibt er Lesen als wichtigen Gegenpol zur schnellen multimedialen Welt, weil dabei die eigene Vorstellungskraft wachsen kann.

Die Pestalozzischüler durften schon einmal in die Zukunft schauen

Ganz am Ende wartet dann noch eine besondere Überraschung auf die Kinder: „Caesar und Zombie“. Das neue Buchprojekt von Armin Pongs kennen einige der Drittklässler bereits, obwohl der erste Band noch gar nicht erschienen ist. Denn Pongs hat Kinder schon während der Entstehung mitlesen lassen – und ihre Ideen, Vorschläge und Änderungen aufgegriffen. Das ist für ihn offenbar genau der Reiz: Kinder nicht nur als Zuhörer zu sehen, sondern als Menschen mit eigenen Geschichten im Kopf.

In „Caesar und Zombie“ geht es um Tassilo und Tom, zwei Freunde, deren Wege sich verändern, als für Tom die Spielkonsole immer wichtiger wird. Als Geheimdokumente zu einem alten Römerschatz auftauchen und eine Diebesbande sie stiehlt, wittert Tassilo einen echten Kriminalfall. Gemeinsam mit seiner Klassenkameradin Tea heftet er sich an die Spur der Diebe – und schließlich gerät auch Tom in ein Abenteuer, das deutlich spannender wird als jedes Computerspiel. Der erste Band „Nomen est omen“ soll Ende November beziehungsweise zum 1. Dezember erscheinen.

Dass die Kinder bereits vorab lesen durften, war für Pongs wie für die Kinder ein Glücksfall: Sie konnten ihm Rückmeldungen geben, eigene Ideen beisteuern und sogar Veränderungen vorschlagen und er konnte das ganze Potential der jungen Mitautoren abschöpfen, um ein Buch zu schreiben, dass garantiert den Nerv der Kids trifft. Und genau dort, zwischen Lesen, Weiterdenken und Selbererfinden, zeigt sich für ihn, was Literatur bei Kindern auslösen kann.

Und so verlassen die Drittklässler die Lesung nicht nur mit einer Geschichte im Kopf, sondern mit vielen eigenen Bildern. Vielleicht ist irgendwo noch der Brunnenschacht zu sehen. Vielleicht stehen die Schattenmänner noch vor dem inneren Auge. Vielleicht fährt irgendwo ein magischer Bus durch die Welt. Und vielleicht sitzt am Nachmittag ein Kind zu Hause, schlägt ein Buch auf – und merkt, dass man dafür eigentlich gar nicht viel braucht. Nur ein paar Wörter. Und einen Kopf, der daraus eine ganze Welt macht.



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