Kelkheim (kez/ju) – Manchmal genügt ein Zeitungsartikel, um längst vergangene Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen. So erging es Ursula Oberle beim Lesen des Berichts über das historische Gästebuch des Rettershofs. Plötzlich entstand eine Verbindung zwischen einem bekannten Ort in Kelkheim und ihrer eigenen Lebensgeschichte. Wie sich diese unerwartete Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt, erzählt sie in ihrem persönlichen Beitrag.
In der Kelkheimer Zeitung, Ausgabe vom 16./17. April 2025, erschien auf der Titelseite ein Bericht über das historische Gästebuch des Rettershofs. Die Geschichte dieses besonderen Zeitdokuments begann mit einer bemerkenswerten Entdeckung: Rachel Monsarrat fand das Gästebuch ihrer Großmutter Hedwig Forde von Dieskau, einer Tochter der Rettershof-Bauherrin Alice von Dieskau, auf einem staubigen Dachboden in London.
Zur Übergabe des Gästebuchs an die Stadt Kelkheim kam Frau Monsarrat auf den Rettershof. Dort wurde sie von Vertretern der Stadt und des Rettershofs empfangen.
Beim Lesen des Zeitungsartikels über das Gästebuch berührte mich besonders der Hinweis auf den Eintrag der Prinzessin Feodora von Sachsen-Meiningen. Ihr Name weckte Erinnerungen an meine schlesische Heimat und an einen wichtigen Abschnitt meines Lebens.
Ich wurde im niederschlesischen Schmiedeberg, dem heutigen Kowary, geboren. Dort befindet sich Schloss Neuhof (Nowy Dwór), das einst im Besitz von Prinzessin Feodora von Sachsen-Meiningen war. Feodora, eine Urenkelin der britischen Königin Victoria, galt als gebildete und kunstinteressierte Frau. Ihr Leben verlief jedoch nicht glücklich. Die Ehe mit Heinrich XXX. Reuß zu Köstritz blieb kinderlos, worunter sie sehr litt. Im Jahr 1945 nahm sie sich tragischerweise das Leben. Nicht weit vom Schloss entfernt befinden sich bis heute die Gräber von Feodora und ihrem Ehemann. Die Prinzessin wurde von ihrer Familie und ihren Freunden liebevoll „Fee“ genannt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schloss Neuhof geplündert. Ab den 1960er Jahren nutzte das Institut für Kernforschung in Otwock bei Warschau das Anwesen als Erholungsheim für seine Mitarbeiter. Von 1978 bis 1980 arbeitete ich dort als Instruktorin für Kultur und Bildung. Zu meinen Aufgaben gehörten kulturelle Veranstaltungen und Führungen. Dabei erzählte ich den Gästen auch von der Geschichte des Schlosses und von Prinzessin Feodora, die einst dort gelebt hatte. Die Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur Niederschlesiens hat mich sehr geprägt.
Im November 1981 emigrierte ich nach Deutschland. Mehr als 40 Jahre habe ich in Kelkheim gelebt. Seit diesem Jahr wohne ich in Frankfurt am Main, doch Kelkheim fühle ich mich weiterhin sehr verbunden. Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Erinnerungen gerade jetzt zurückkehren.
Das Gästebuch wurde für Rachel Monsarrat und auch für mich zu einer besonderen Brücke in die Vergangenheit. Während sie darin ein Stück ihrer Familiengeschichte wiederfand, erinnerte es mich an Schloss Neuhof, meine schlesische Heimat und die Jahre vor meiner Ausreise nach Deutschland.
So verbindet dieses alte Gästebuch auf unerwartete Weise Menschen und Orte über Länder und Generationen hinweg.
Ursula Oberle

