Kommentar Pisa-Studie
„Was mich überrascht, ist, dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden.“ Ein Satz von Bundesbildungsministerin Karin Prien nach den jüngsten PISA-Ergebnissen, der erst einmal im Raum stehen bleibt. Vielleicht, weil man sich fragt, was daran eigentlich so überraschend sein soll. Oder genauer: Was soll diese Feststellung eigentlich erklären?
Dass Eltern eine wichtige Rolle bei der Bildung ihrer Kinder spielen, dürfte niemand ernsthaft bestreiten. Eltern lesen vor, sie erklären, ermutigen, helfen bei Hausaufgaben, interessieren sich für den Schulalltag und vermitteln ihren Kindern im besten Fall Neugier und Freude am Lernen. Aber ausgerechnet nach einem PISA-Ergebnis, das dem deutschen Bildungssystem erneut ein schlechtes Zeugnis ausstellt, den Blick zuerst auf die Eltern zu richten, macht es sich die Politik ein bisschen sehr einfach. Zumal Prien selbst an anderer Stelle betont hat, Eltern seien die wichtigsten Verantwortlichen für Erziehung und Bildung und verdienten dafür Anerkennung und Unterstützung.
Denn natürlich gibt es Elternhäuser, in denen Bildung keine große Rolle spielt. Es gibt Kinder, die zu Hause kaum Unterstützung bekommen, die mit Sprachproblemen aufwachsen oder deren Eltern selbst wenig Möglichkeiten haben, ihnen bei schulischen Anforderungen zu helfen. Genau deshalb gibt es überhaupt Schulen. Genau deshalb gibt es Lehrer, Sozialpädagogen, Ganztagsangebote und staatliche Bildungspolitik. Schule soll schließlich nicht nur dort funktionieren, wo das Elternhaus funktioniert.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Wenn Bildungserfolg in Deutschland so stark vom Elternhaus abhängt, wie die PISA-Ergebnisse seit Jahren zeigen, dann ist das nicht nur eine Familienfrage. Es ist vor allem eine Systemfrage. Die Aufgabe eines guten Bildungssystems müsste doch gerade darin bestehen, Unterschiede auszugleichen, statt sie im Laufe der Schulzeit immer weiter zu verstärken.
Mehr Geld allein reicht nicht
Natürlich muss in Bildung investiert werden. In Gebäude, Lehrer, Sozialpädagogen, Ganztagsangebote, digitale Ausstattung und individuelle Förderung. Das kostet Geld und wird auch künftig viel Geld kosten. Aber selbst Milliardenbeträge lösen das Problem nicht, wenn sie in ein System fließen, dessen Grundstruktur immer weniger zu unserer Lebenswirklichkeit passt.
Deutschland diskutiert seit Jahren über Lehrermangel, Unterrichtsausfall, übervolle Lehrpläne, marode Schulgebäude, fehlende individuelle Förderung und die Frage, wie Kinder mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam lernen können. Gleichzeitig verändert sich die Welt um sie herum mit einer Geschwindigkeit, die das Klassenzimmer kaum noch abbildet.
Künstliche Intelligenz verändert gerade, wie Wissen entsteht und wie wir arbeiten. Informationen sind jederzeit verfügbar. Die entscheidende Fähigkeit ist immer weniger, möglichst viel davon auswendig zu lernen. Viel wichtiger wird es sein, Informationen zu bewerten, Zusammenhänge zu verstehen, Probleme selbstständig zu lösen, kritisch zu denken, kreativ zu sein und mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Und trotzdem diskutieren wir noch immer vor allem darüber, wie wir möglichst viel Stoff in möglichst wenig Zeit in Kinderköpfe bekommen.
Vielleicht wäre es an der Zeit, nicht nur die Ausstattung unserer Schulen zu modernisieren, sondern auch das Denken hinter unserem Schulsystem. Lehrpläne gehören auf den Prüfstand. Unterrichtsformen gehören auf den Prüfstand. Die Organisation von Schule gehört auf den Prüfstand. Und auch die Frage, wie viel Verantwortung wir Schulen und Lehrkräften tatsächlich zutrauen, darf gestellt werden. Die OECD weist bei leistungsstarken Bildungssystemen unter anderem auf die Bedeutung qualifizierter Lehrkräfte, gezielter Unterstützung und größerer Gestaltungsspielräume für Schulen hin.
Warum nicht einmal über den Tellerrand schauen?
Und da darf der Blick ruhig einmal nach Norden gehen. Nicht, weil in Finnland, Schweden oder Dänemark alles wunderbar wäre. Auch dort gibt es Lehrermangel, soziale Unterschiede und Probleme. Aber andere Länder haben andere Wege gefunden, mit Bildung umzugehen – und ein Blick über die deutsche Schulhofmauer könnte deshalb durchaus guttun. Die Frage wäre nicht: Wie kopieren wir das finnische oder schwedische Schulsystem?
Die Frage wäre: Was machen andere anders – und warum?
Warum gelingt es manchen Ländern besser, Bildung nicht nur als Vermittlung von Wissen, sondern stärker als Entwicklung von Selbstständigkeit und Kompetenzen zu verstehen? Warum wird Lehrkräften dort teilweise mehr pädagogischer Gestaltungsspielraum gegeben? Und wie schaffen es Bildungssysteme, soziale Unterschiede zumindest teilweise auszugleichen, statt sie durch das Bildungssystem weiterzutragen?
Das bedeutet nicht, dass der Blick nach Skandinavien automatisch die Lösung liefert. Aber angesichts der deutschen Bildungsergebnisse wäre ein bisschen mehr Neugier auf andere Modelle sicherlich kein Fehler.
Und Hessen?
Auch Hessen wird sich diese Fragen stellen müssen. Das Land verweist auf steigende Bildungsausgaben, zusätzliche Stellen, Ganztag und Programme wie Startchancen. Das sind wichtige Bausteine. Doch mehr Geld und neue Programme sind noch keine Bildungsreform. Auch die Bundesbildungsministerin selbst hat zuletzt betont, dass es nicht darum gehen könne, einzelne Maßnahmen nebeneinanderzustellen, sondern entlang der gesamten Bildungskette anzusetzen. Genau darum geht es. Nicht um die Suche nach einem Schuldigen. Nicht um Eltern gegen Lehrer oder Lehrer gegen Politik. Und schon gar nicht darum, Eltern pauschal vorzuwerfen, Bildung sei ihnen nicht wichtig genug.
Es geht um die viel unbequemere Frage, ob wir unseren Kindern eigentlich noch das Bildungssystem geben, das sie für die Welt brauchen, in der sie einmal leben und arbeiten werden. Die PISA-Ergebnisse sind dafür ein Warnsignal. Die Antwort darauf kann nicht lauten: Die Eltern müssen sich mehr kümmern. Sie muss lauten: Wir müssen unsere Schule neu denken. Und zwar gründlich. Und zwar schnell!
Judith Ulbricht