Mammolshain feiert die Radler und den Äppler

Das Lächeln im Gesicht nach 180 Kilometern und drei Überquerungen des Mammolshainer Bergs. John Degenkolb (rechts) genießt an der Seite von Max Walscheid in einer distanzierten Gruppe sein Heimrennen und die große Sympathie der Fans.Foto: Schramm

Mammolshain (as) – Für Freunde des Radsports gibt es am 1. Mai in Deutschland keinen schöneren Ort als Mammolshain. Für Freunde des Apfelweins wohl auch nur ganz wenige. Die in diesem Jahr 146 Radprofis beim Radklassiker Eschborn–Frankfurt erklimmen den Mammolshainer Berg beim Kampf um die Bergwertung und den Sieg bei Deutschlands wichtigstem Radrennen, und die Keltermeister der Region messen sich um das beste „Stöffsche“ und den Wanderpokal für den Mammolshainer Apfelweinkönig.

Und wenn es dann nach sieben Jahren Pause durch den Augsburger Georg Zimmermann vom belgischen Team Lotto-Intermarché – für die Fans gut zu erkennen im weißen Trikot mit dem schwarz-rot-goldenen Brustring des deutschen Meisters – dann auch noch einen Heimsieg zu feiern gibt, dann ist es fast schon zu verschmerzen, dass der beste Apfelwein des Jahrgangs 2025 diesmal mit Christian Sittinger aus Kronberg an einen „Auswärtigen“ geht.

Für den Königsteiner Stadtteil ist der 1. Mai fast schon so etwas wie Weihnachten und Ostern zusammen, aber für die Vereine ist es ein besonders arbeitsreicher Tag der Arbeit. Auf den zwei großen Festen herrscht gleich doppelt Volksfeststimmung, und das Wetter zeigt sich wie fast immer bei strahlendem Sonnenschein und 22 Grad in Feiertagslaune. Mehrere Tausend Gäste wollen bewirtet werden, die trotz gesperrter Straßen auf Schleichwegen, auf dem Rad und zu Fuß irgendwie den Weg nach Mammolshain geschafft haben: zur Kelterhalle des Obst- und Gartenbauvereins am Rande der Streuobstwiesen in der Schwalbacher Straße und zum rund einen Kilometer entfernten Kranichplatz, wo die Profis – und zuvor ein großer Teil der 12.000 gemeldeten Hobbyfahrer bei der ADAC Velotour – den steilsten Teil des Mammolshainer Anstiegs, den „Stich“ in der Straße „Am Steinbruch“, so richtig in den Beinen spüren.

Ein Sitzplatz ist schon um 13 Uhr am Mittag an keinem der beiden Orte mehr zu ergattern. Beim OGV zieht sich die Schlange am Grillstand einmal quer durch die Obsthalle, locker 30 Meter. Bei einem Bratwurstpreis von 4 Euro – den gleichen Preis verlangt auch die Freiwillige Feuerwehr oben am Berg – muss man nicht zweimal nachdenken.

Und am Kranichplatz haben viele auf der Wiese Platz genommen und schauen sich die Live-Übertragung des Rennens auf der Videowand an. Wie Flo aus Mainz, der die 97 Kilometer lange Velotour-Strecke mit einem sehr beachtlichen Schnitt von 35,4 km/h bereits hinter sich gebracht hat und dann vom Ziel in Eschborn eben nochmal den Berg hinaufgekurbelt ist, zu seinen Freunden, die ihn durch Anfeuerung und das Reichen einer Trinkflasche über den schwersten Anstieg geholfen haben. „Letztes Jahr waren wir nur zum Anfeuern der Profis hier“, erzählt er. Auf dem Rad hat er also gerade eine Premiere erlebt. „Es war top“, sagt er zu seinem Rennen, auf das er sich mit 1.800 Trainingskilometern und einer Testfahrt – die Experten sagen „Recon“ – über den Feldberg und Mammolshainer Stich vorbereitet hatte.

Und der riesige Grill der Freiwilligen Feuerwehr läuft auf Hochtouren, während sich der Platz vor der ersten Überfahrt der Profis, die für 14.20 Uhr vorausberechnet wurde, immer mehr füllt. 1.400 Würste und Brötchen, 250 Steaks und sieben Blechkuchen hat man eingekauft, erzählt Dieter Lezius, der Vorsitzende des Feuerwehrvereins, der mit rund 30 Helfern, auch mit Unterstützung des „Bienenkorbs“, das Fest des Jahres stemmt. Aber es reicht – bei Weitem – nicht: Obwohl bereits mehr eingekauft wurde als im Vorjahr, heißt es schon um 15.40 Uhr und bevor die Profis das zweite Mal vorbeikommen: „Alles aus!“. Man hätte noch mehr umsetzen können für die Projekte der Feuerwehr. Dann sicher nächstes Jahr.

Immerhin sind noch genügend Getränke vorhanden, ein großer Kühlwagen steht auf dem Platz: 50 Kisten Bier, darunter zehn alkoholfreie (die gut gehen), 20 Kisten Radler, 30 Kisten Apfelwein von Immel aus Neuenhain (der wiederum in der Apfelweinjury sitzt) und dazu noch Softdrinks in großen Mengen. Die Jugendfeuerwehr macht voll mit und freut sich am Rückgabestand über die freiwilligen Pfandspenden. Im vergangenen Jahr kam dabei ein niedriger vierstelliger Betrag zusammen.

Weitere Ortsvereine sind involviert. Christian Müller vom Heimatverein öffnet seinen Hof im obersten Haus „Am Steinbruch“ für Freunde und alle, die mal hereinschauen wollen und den Radfahrern hier im Abstand von ein, zwei Metern ganz nahe kommen wollen. Auch Radsportteufel Didi Senft ist schon da gewesen. Müller sagt zwar, eher Läufer zu sein, fährt aber auch zweimal die Woche mit dem Rad zur Arbeit nach Eschborn. Interesse am Radsport hat er durch seinen Freund Bernhard, der früher Rennen fuhr und zum Maifeiertag mit seiner Frau extra aus München angereist ist, und eben durch seine Adresse an der Strecke bekommen. Müller und seine Frau erzählen auch gerne von den neuen Aktivitäten des Heimatvereins, zu denen ein Fotowettbewerb im Mai gehört, und dem neu bestückten Schaukasten gegenüber der OGV-Halle.

Und auch der Falkensteiner Mandolinenclub hat seinen großen Auftritt auf dem Kranichplatz während der Live-Übertragung des HR, der auch Bilder vom Jubiläumskonzert im vergangenen Jahr im Casals Forum Kronberg zeigt. Da am Renntag aber kaum Platz gewesen und die feine Musik untergegangen wäre, wurde der „Wellerman“ bereits am Vortag fürs Fernsehen eingespielt. Der lebhafte Shanty hätte auch als Motivation für die Radfahrer gepasst.

Bei denen hält Zimmermanns Mannschaftskollege Jonas Rutsch aus Erbach im Odenwald mit einer von ihm bekannt beherzten Fahrt lange die Spitzengruppe am Laufen und sichert sich so auch die Bergwertung, wie vor zwei Jahren der Oberurseler John Degenkolb. Doch als die Profis rund 50 Kilometer vor dem Ziel das zweite Mal vorbeikommen, haben zwei hoch gewettete Belgier bereits ernst gemacht, haben die Ausreißer nach der zweiten Feldberg-Passage gestellt und eine Minute auf die andere Favoriten herausgefahren: Emiel Verstrynge (Alpecin Premier-Tech) und der belgische Meister Tim Wellens (UAE Team Emirates XRG). Einer ist darüber besonders begeistert: Tom aus der belgischen Radcross-Hochburg Mol. Er ist der wohl einzige Flame am Mammolshainer Berg an diesem Tag, er feuert seine Landsleute begeistert an mit einem Pappschild mit der Aufschrift „Stoempe, Stoempe“ (heißt so viel wie „Drücken, Drücken“) und dem Erkennungszeichen des Wielerclub Wattage, in dem auch ehemalige Spitzenprofis wie Tom Boonen Mitglied sind. Tom, der Fan, ist aber nicht aus Flandern, sondern von seinem Wohnort Hockenheim angereist und verspricht, im kommenden Jahr eine – von vielen internationalen Rennen bekannte – Fahne mit dem flämischen Löwen mitzubringen, denn eine solche war bei Eschborn–Frankfurt lange nicht mehr zu sehen. Und er zeigt sich begeistert von der Stimmung und der Möglichkeit, mit den Fahrern am Start persönlich in Kontakt zu kommen. Dort habe er sich länger mit Shooting-Star Verstrynge unterhalten können, und auch der Top-Profi Wellens habe „Hallo“ gesagt, als er den Landsmann erkannte. Welcher Fußballer würde das machen …?

Bei der entscheidenden dritten Überfahrt ist aber auch dieses starke Duo vom jetzt rasenden Feld geschluckt, der Weg bis zum Ziel war einfach zu weit, auch wenn gerade Wellens für lange Soli bekannt ist. Zwölf Fahrer springen am „Stich“ weg, Georg Zimmermann muss beißen, lässt sich von der Menge über die Kuppe schreien und schafft bis zum Königsteiner Kreisel noch den Anschluss. 45 Minuten später feiert der 28-Jährige – vor drei Jahren einmal Zweiter einer Etappe der Tour de France – mit einem tollen Sprint aus der hintersten Position der Ausreißer den größten Sieg seiner Karriere vor Favorit Tom Pidcock und dessen britischem Landsmann Ben Tulett (Visma Lease a Bike), der am Mammolshainer Berg den stärksten Eindruck hinterlassen hatte. Die Ausreißer schafften es – auch dank der erneut schwereren Strecke mit 3.300 Höhenmetern auf den 211 Kilometern –, das heransprintende Feld um zwei, drei Sekunden auf Distanz zu halten. Spannender geht es nicht, und noch ganz viele sind vor der Videowand am Kranichplatz um 17 Uhr live dabei und jubeln über den Triumph von Georg Zimmermann.

Ganz locker fährt dagegen John Degenkolb an der Seite seines Kumpels Maximilian Walscheid beim zweiten und dritten Mal über den Mammolshainer Berg, in einer um mehrere Minuten distanzierten Gruppe – und wird dafür von allen Fahrern am stürmischsten gefeiert. Er ist als Sieger von Mailand-San Remo und Paris–Roubaix einfach eine Legende auf zwei Rädern. „Dege“ lacht und winkt, es hätte fast eine Abschiedsvorstellung sein können – wenn der 37-Jährige nicht vor dem Start verkündet hätte, dass er seinen auslaufenden Vertrag mit seinem niederländischen Team Picnic Post NL um ein Jahr verlängert hat. Ein Grund mehr für alle, am 1. Mai 2027 erneut nach Mammolshain zu kommen und mitzufeiern.

Weitere Artikelbilder



X