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(S)TÜRMisches

Wenn ich das Stichwort „Familienessen“ höre, denke ich unwillkürlich an amerikanische Filme, bei denen sich eine muntere Schar plappernd um einen riesigen Esstisch versammelt, um gemeinsam den heiligsten Tag im Jahr, nämlich Thanksgiving zu zelebrieren. Schüsseln mit köstlichsten Speisen, knusprige Truthähne, Karaffen mit dunkelrotem Wein werden herumgereicht, sodass dem Zuschauer das Wasser im Mund zusammenläuft, während er sich im heimischen Kinosessel staubtrockenes Popcorn in den Mund schaufelt...

Dass nun ausgerechnet aus diesem Land Wissenschaftler der renommierten Harvard University Alarm schlagen wegen einer dramatischen Abnahme an Ess-Kultur wundert wahrscheinlich nur den offensichtlich hoffnungslos naiven Kinogänger, denn die Wiege des Fastfood ist schließlich dort beheimatet.

70 Prozent der Amerikaner, so die besorgten Wissenschaftler, nehmen ihre Mahlzeiten außer Haus ein, 20 Prozent sogar im Auto! Da wundert es dann nicht mehr, dass sich fast jede zweite Familie nie gemeinsam um den heimischen Esstisch versammelt.

Offenbar hat die Einnahme einer Mahlzeit bei den Amerikanern eher den Stellenwert einer notwendigen Energieaufnahme denn eines soziokulturellen Ereignisses.

Gefrühstückt wird mit einem Coffee -to go in der Hand auf dem Weg in die U-Bahn, mittags gibts ein Sandwich im Diner und abends bilden sich Schlangen vor den zahlreichen Drive-inns der Fastfood-Ketten.

Schon eine halbe Stunde am Tag Gemeinsamkeit, so die Forscher des „Family Dinner Projects“ der Harvard University, stärke nicht nur den Zusammenhalt der Familie, sondern lasse Kinder bessere Noten schreiben und mehr Selbstvertrauen gewinnen. Was wiederum dazu führe, dass Essstörungen, der Missbrauch von Drogen, ja sogar die Anzahl an Teenager-Schwangerschaften abnähmen.

Schon drei Familienessen pro Woche hätten positive Effekte für Körper, Geist und Seele, fünf bis sieben dagegen seien ein erstrebenswerter Idealzustand.

Absurd wird es allerdings, wenn diese Experten – sicher nicht ohne Not – Dutzende von Vorschlägen an Interessierte unterbreiten, worüber man sich denn mit seinen Kindern, je nach Altersklasse, unterhalten könne.

Bei Zwei-bis Siebenjährigen sei die Frage nach ihrer „Lieblingsgrimasse“(?) angebracht, bei Acht-bis Dreizehnjährigen hingegen, was sie als Schuldirektor anders machen würden. Aha!

Verboten sind dagegen elterliche Klagen über schlechte Noten, unaufgeräumte Zimmer oder sonstige Stimmungskiller. Natürlich gibt es auch einen täglichen Menüvorschlag per E-Mail, obwohl laut Forschung vollkommen egal ist, was auf den Tisch kommt! Wie wär‘s mal mit „Mensch ärgere Dich nicht...“?

Wie traurig ist das denn? Eine Nation, die sich von Wissenschaftlern erklären lassen muss, wie sie mit ihren Kindern kommuniziert? Da leider bis jetzt alle Trends aus den USA spätestens nach einem Jahr bei uns ungefiltert als die größte Errungenschaft der Menschheit gefeiert wurden, obwohl sie in ihrem Ursprungsland längst wieder total out waren, wird uns möglicherweise auch diese Welle erwischen. Sieht man schon jetzt die ständig wachsende Türme an Ratgeber-Literatur für alle erdenklichen Lebenslagen, beschleicht einen der untrügliche Eindruck, dass auch diese Saat aufgehen wird...

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