Der Kronberger „Disch“ – schon Goethe fiel das Kunstwerk auf

Kronberg (war) – Ob viele Kronberger mit dem Begriff „Disch“ etwas anzufangen wissen, ist kaum anzunehmen. Hingegen werden die aktiven Mitglieder des Burgvereins den „Disch“ als aufwendig bemalte Tischplatte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts einzuordnen wissen. Immerhin erwähnt bereits 1814 kein Geringerer als Dichterfürst Goethe den „Disch“ als „in seiner Art besonders gut und der Aufmerksamkeit aller Freunde des Alterthums und der Kunst würdig.“

Abgebildet ist auf der 114 Zentimeter mal 132 Zentimeter großen Platte unter anderem Hartmut XII. mit seiner Frau Anna von Kronberg. Außerdem sind die drei Söhne des Paars samt deren Ehefrauen mit den Kindern zu sehen. Eine Inschrift besagt, dass Anna das Kunstwerk an Neujahr 1549 von ihrem Sohn Hartmut XIII. und dessen Ehefrau Barbara von Sickingen als Geschenk erhielt. Jahrzehntelang wurde davon ausgegangen, dass das Bild, welches durch Erbschaft und Schenkung von Kronberg schließlich im 19. Jahrhundert nach Schloss Johannisberg im Rheingau in den Besitz von Staatskanzler Klemens Lothar Fürst von Metternich gelangt war, im Zweiten Weltkrieg bei der Bombardierung des Schlosses unwiderruflich vernichtet worden war. Erst im Jahr 2005 machte Burgvereinsmitglied Herbert Bäcker mit Hilfe seines tschechischen Freundes Jan Korán das unversehrte Gemälde wieder im Museum des Renaissanceschlosses in der westböhmischen Stadt Bischofteinitz (heute: Horšovský Týn) ausfindig. Inzwischen hängt der Kronberger „Disch“ im Kloster Plasy (deutsch: Plaß) unweit von Pilsen. Das Bild hat wohl wider Erwarten den Schlossbrand gut überlebt und war danach von den damaligen Schlossbesitzern nach Böhmen verbracht worden, um seitdem dort dauerhaft zu verbleiben. Auf Initiative von Bäcker hängt heute eine Kopie des Bildes im zweiten Stock des Burgmuseums. Auf Einladung des Burgvereins anlässlich der aktuellen Sonderausstellung „Mahlzeit – Burg Kronberg bittet zu Tisch“, die noch bis zum 18. August im Rheinberger-Saal der Burg zum Besuch einlädt, referierte kürzlich Dr. Jens Kremb über „Bemalte Tischplatten des Mittelalters“. Der Referent, selbst Kunsthistoriker und Tischler, hat zu dem Thema seine Dissertation verfasst und ist somit ausgewiesener Experte auf diesem speziellen kunsthistorischen Gebiet. Kremb dazu: „Bemalte Tischplatten wurden lange Zeit von der Forschung kaum beachtet. Daher war es mir ein Anliegen, mit meiner Promotion dieser hochinteressanten Kunstgattung wieder mehr Aufmerksamkeit zu verleihen.“ So sind die erhaltenen, bemalten Tischplatten, welche aus den Jahren 1330 bis 1550 stammen und teilweise von sehr bekannten Künstlern wie Hieronymus Bosch und Albrecht Altdorfer in hoher Qualität überliefert sind, heute in namhaften Museen zu sehen. „Die Platten sollten keineswegs nur als eine Modeerscheinung zwecks dekorativer Verzierung von Möbeln gesehen werden, sondern vielmehr unterstützten diese oftmals die Verbreitung bestimmter Sujets und Maltechniken in der allgemeinen Tafelmalerei, da die Platten oft bestimmte Bildinhalte bereits im voraus aufgriffen“, so die Meinung von Kremb. Als Beispiel dafür führte der Referent einen gotischen Niedersächsischen Falttisch von 1410 auf, der sich heute im Musée National du Moyen Âge in Paris befindet. Auf dessen bemalter Tischplatte ist eine dreidimensionale Bildeinfassung zu sehen. „Dadurch wird die Illusion hervorgerufen, dass man durch ein Relief hindurch auf eine andere Bildebene schaut. Illusionistische Darstellungen sind zu dieser Zeit in der Tafelmalerei nördlich der Alpen selten, dann zumeist in der Buchmalerei, bis gar nicht zu finden. Umso erstaunlicher also, dass diese Art von Räumlichkeit auf einer scheinbar unbedeutenden Tischspalte schon so früh zu finden ist“, gab Kremb zu bedenken. Nicht anders sieht es bei der im Jahr 1518 gemalten Tischplatte von Albrecht Altfdorfer, einem zentralen Künstler der Donauschule, aus, die heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aufbewahrt wird. Auf dieser ist mit dem Sieg Karls des Großen über die Awaren bei Regensburg eine der frühsten bildlichen Darstellungen einer historisch belegten Schlacht zu finden. Noch bekannter ist die runde Tischplatte mit der Darstellung der sieben Todsünden aus dem Madrider Prado, welche der Werkstatt von Hieronymus Bosch um 1505 zugeschrieben wird. Hier wird das sündhafte Alltagsleben einfacher Menschen – vielfach sind es Bauern – teilweise recht deftig beschrieben. Damit wird der sich erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitenden Genremalerei bereits vorgegriffen. Wie sieht es diesbezüglich mit dem Kronberger „Disch“ aus? Da steht für Kremb fest: „Die Ikonographie verleiht auch dieser Tischplatte durchaus einen besonderen Status. Schließlich haben wir es hier mit einem frühen eigenständigen profanen Familienbildnis zu tun. Erstmalig taucht in unserem Kulturraum mit der Abbildung der Familie von Kaiser Maximilian I. um 1515 dieses Bildthema auf. Zuvor waren Familienporträts immer in einem sakralen Kontext, beispielsweise in Form von Stifterbildnissen, eingebettet. Für Kremb wäre es daher von großem Interesse, in Zukunft noch Weiteres über den bislang unbekannten Maler des „Dischs“ zu erfahren. „Entsprechende Forschungsarbeit wäre hier sicherlich lohnenswert und nötig“, so seine abschließende Meinung.

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