Kronberg (nl) – Es war Montagabend im Casals Forum, und schon das allein hat etwas leicht Unvernünftiges. Ein Konzertbeginn zu Wochenanfang, anderthalb Stunden Bach ohne Pause. Das klingt eher nach asketischem Selbstversuch als nach einem ausverkauften Ereignis. Doch genau das ist passiert: kein freier Platz und eine Stille im Saal, die nicht höflich, sondern konzentriert war. Veranstaltet von der Kronberg Academy, die seit Jahren ein Publikum anzieht, das offensichtlich bereit ist, sich auf solche Experimente einzulassen.
Auf dem Programm stand nichts Geringeres als „Die Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach. Ein Werk, das selbst unter Bach-Kennern eine gewisse Ehrfurcht erzeugt; vielleicht, weil es so konsequent ist, so unerbittlich logisch, dass man sich manchmal fragt, ob es wirklich für Menschen gedacht war oder eher für eine Art idealen musikalischen Geist. Am Klavier saß Sir András Schiff.
Schiff gehört zu den Musikern, bei denen man das Gefühl hat, dass sie über Jahrzehnte hinweg mit denselben Stücken leben wie andere Menschen mit einer Sprache oder einer Religion. Er hat einmal gesagt, er habe gehofft, mit 70 alt genug zu sein, um „Die Kunst der Fuge“ öffentlich zu spielen. Nun ist er 72 Jahre alt und man merkt diesem Projekt an, dass es lange gereift ist.
Der Abend begann unspektakulär: das Thema, schlicht vorgestellt. Kein Gestus, keine dramatische Aufladung. Schiff spielte Bach so, als wolle er demonstrieren, dass diese Musik keine zusätzlichen Argumente braucht.
Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Die einzelnen Contrapuncti, eigentlich Studien, Versuche, Experimente mit einem Thema, begannen, sich im Raum auszubreiten wie eine Denkbewegung. Man hörte nicht nur Stimmen, sondern auch Entscheidungen. Hier eine Verschiebung des Gewichts, dort ein fast trockener Humor in einer rhythmischen Akzentuierung. Schiff ließ die Linien klar stehen, aber nie didaktisch. Es wirkte eher so, als würde er zuhören, wie Bach selbst weiterdenkt.
Das Klavier, ein Instrument, das Bach für dieses Werk nie vorgesehen hat, erwies sich dabei als überraschend geeignet. Schiff nutzte keine orchestrale Wucht, sondern eher eine Art architektonische Transparenz. Man hatte oft das Gefühl, in ein Gebäude zu schauen, dessen Statik plötzlich sichtbar wird.
Auffällig war auch, wie wenig sentimental dieser Bach ist. Nichts wird ausgestellt. Die Emotion entsteht eher indirekt, durch Geduld, durch Präzision, durch das Vertrauen darauf, dass eine musikalische Idee sich selbst tragen kann. Vielleicht hängt das mit Schiffs eigener Haltung zusammen. Er spricht oft davon, dass Bach sich als Musikgelehrter verstand, als jemand, der Kunst und Wissenschaft zusammendenkt. Wenn man ihm zuhört, merkt man, dass er diese Perspektive ernst nimmt. In diesem Konzert ging es nicht um Interpretation im romantischen Sinn, sondern eher um eine Art geistige Annäherung.
Der Saal blieb während der gesamten anderthalb Stunden erstaunlich ruhig. Keine Unruhe, kein Hustenchor, nicht einmal das übliche Rascheln. Diese besondere Konzertstille, in der man merkt, dass ein Publikum kollektiv beschlossen hat, sich einzulassen.
Am Ende steht bekanntlich der unvollendete Contrapunctus XIV. Auch Schiff spielte ihn so, wie Bach ihn hinterlassen hat, nämlich abbrechend, mitten in einer Bewegung.
Man wartete einen Moment, fast reflexhaft, ob es noch weitergeht. Dann kam der Applaus, plötzlich, laut, fast erleichtert. Nicht wie eine Explosion der Begeisterung, sondern eher wie ein Dank dafür, dass man anderthalb Stunden lang in einen sehr klaren, sehr konsequenten Gedanken hineinhören durfte.
