Oberursel. Volle Plätze, Musik in jeder Gasse und beste Stimmung bis tief in die Nacht: Das 45. Oberurseler Brunnenfest zeigte einmal mehr, warum es für viele das große Wiedersehen der Stadt ist. Der Marktplatz platzt aus allen Nähten. Die Sonne strahlt vom Himmel, auf den Treppenstufen, unter den Schirmen und vor der Bühne warten die Menschen auf den Moment, auf den Orschel ein Jahr lang hingefiebert hat. Dann hebt Emily I. den Hammer. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Der erste Apfelwein fließt. Applaus brandet auf. Das 45. Oberurseler Brunnenfest ist eröffnet.
Selten hat ein Wochenende besser gezeigt, was die Brunnenstadt ausmacht. Vier Tage lang wurde gefeiert, musiziert, gelacht und getanzt. In den Gassen lag Musik in der Luft, in den Höfen saßen Menschen zusammen, wie man es sonst nur aus dem Urlaub kennt, und auf den Plätzen wurde deutlich: Das Brunnenfest ist weit mehr als ein Stadtfest. Es ist das große Wiedersehen der Stadt. Dabei begann alles mit einem Gedanken. „Take me home“ lautete das Motto des ökumenischen Gottesdienstes zum Auftakt des Brunnenfestes. Heimat, so die Botschaft, entsteht dort, wo Menschen einander begegnen, Beziehungen wachsen und sich Menschen angenommen fühlen. Die Pfadfinder sammelten die Kollekte für die Lokale Oberurseler Klimainitiative, LOK, deren Projekte neue Bäume in Oberursel ermöglichen sollen. Mit dem Segen für alle Besucher begann offiziell das Brunnenfest-Wochenende.
Auch Petrus meinte es gut mit den Feiernden. Trotz mehrerer Unwetterwarnungen blieb Oberursel weitgehend verschont. Lediglich am späten Freitagabend gingen kurz die Schleusen auf. Ansonsten dominierte die Sonne das Bild. Bei sommerlichen Temperaturen füllten sich Marktplatz, Altstadthöfe, Kindermeile und Bleiche bereits früh am Tag und blieben bis in die Abendstunden bestens besucht.
Zur offiziellen Eröffnung versammelten sich neben dem neuen Brunnenpaar Emily I. und Michèle I. auch 16 Gastmajestäten aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet sowie zahlreiche ehemalige Brunnenköniginnen und Brunnenmeister auf dem historischen Marktplatz. Noch wirkt manches neu. Doch gerade diese Mischung aus Vorfreude, Nervosität und Stolz machte die Aufgabe für das junge Brunnenpaar besonders. Wie eng die beiden mit dem Vereinsleben verbunden sind, machte Ulfert Hahn, Vorsitzender des KV Frohsinn, deutlich. Emily gehört dem Verein seit 2009 an und gibt ihr Wissen heute an die jüngsten Drum-Kids weiter. Auch Michèle ist seit Jahren in der Brassband aktiv. Gemeinsam bilden sie das zwölfte Brunnenpaar des KV Frohsinn.
Erstmals wurde beim Brunnenfest kein Bier- sondern ein Apfelweinfass angestochen. Unterstützung erhielt Emily I. dabei von Florian Steden von der Kelterei Steden. Als sich der Zapfhahn kurz darauf löste, sorgte die unerwartete Apfelwein-Dusche für viele lachende Gesichter und eine willkommene Abkühlung bei den Besuchern in den ersten Reihen.
Neben den zahlreichen Besuchern standen auch die Menschen im Mittelpunkt, die das Brunnenfest Jahr für Jahr möglich machen. Vereinsring-Vorsitzende Christine Förder und Ludwig Reuscher dankten den vielen Vereinen, Standbetreibern, Schaustellern und Ehrenamtlichen. Die Hütten- und Standbetreiber seien das Fundament des Brunnenfestes. Bürgermeisterin Antje Runge sprach von 72 Stunden gelebter Offenheit, Vielfalt und Begegnung. Die Frankfurter Volksbank bezeichnete das Brunnenfest als Spiegelbild einer lebendigen Gesellschaft, die Stadtwerke Oberursel betonten ihre Verbundenheit mit der Stadt.
Mehr als 20 Vereine, über 100 Stände, zahlreiche Bühnen, Fahrgeschäfte, Höfe und Aktionsflächen machten die Innenstadt vier Tage lang zur Festmeile. Von der Kindermeile über das Internationale Dorf bis zum Kunsthandwerkermarkt gab es an nahezu jeder Ecke etwas zu entdecken. Möglich wurde all das durch unzählige Ehrenamtliche, Helfer und Unterstützer. Das Brunnenfest wird von Oberurselern für Oberurseler organisiert – und genau das war an vielen Stellen spürbar.
Musik war beim Brunnenfest allgegenwärtig.
Vor den Bühnen wurde applaudiert, Zugaben wurden gefordert und selbst kleinere Auftritte fanden ein begeistertes Publikum. Egal, wo man sich bewegte – Musik lag in der Luft. Dort, wo am Samstag beim inklusiven Bandmeeting „Oberursel all inclusive“ große Seifenblasen durch die Luft schwebten und Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam feierten, erklangen am Sonntag bereits die nächsten Melodien. Im Hof der Hospitalkirche sorgte der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Oberursel-Stierstadt mit Cha-Cha-Cha, Jive und Walzer für beste Stimmung.
Am allervollsten aber war es auf der Kindermeile. Bunt, laut und voller Leben präsentierte sich die Obere Hainstraße als Paradies für Familien. Es wurde gebastelt, geknetet, geschminkt, Enten geangelt und die Kunstgriff-Rutsche hinuntergesaust. Gemeinsam mit verschiedenen Vereinen, Institutionen, dem Kultur- und Sportförderverein Oberursel und dem städtischen Kinderhaus entstand ein Bereich, der ganz den jüngsten Besuchern gehörte. Der Übergang zur Bleiche mit ihren Fahrgeschäften war dabei nahezu fließend. Auf dem Rathausplatz lud der Kunsthandwerkermarkt zum Stöbern ein. Zwischen handgefertigten Unikaten, kreativen Geschenkideen und außergewöhnlichen Lieblingsstücken nahmen sich viele Besucher Zeit für eine kleine Pause vom Trubel der Festmeile. In der Weidengasse roch es nach Urlaub. Zwischen den Ständen des Internationalen Dorfes wurden Spezialitäten aus verschiedenen Ländern frisch zubereitet. Mal fühlte man sich wie Gott in Frankreich, wenige Schritte weiter lockten Köstlichkeiten aus England, Argentinien, den Niederlanden oder der Schweiz. Auch dieser Bereich des Brunnenfestes zeigte, wie vielfältig und weltoffen Oberursel sein kann.
Bester Blick von ganz oben
Wer dem Trubel für einen Moment entfliehen wollte, musste lediglich 168 Stufen erklimmen. Vom Turm der Sankt-Ursula-Kirche bot sich ein beeindruckender Blick über Altstadt, Bleiche und das bunte Treiben der Brunnenstadt. Direkt darunter sorgten die „Semfgurken“ für Aufmerksamkeit. Die junge Bläserformation aus Schülern des Gymnasiums Oberursel und der Sankt-Angela-Schule Königstein wagte nach nur einer gemeinsamen Probe ihren ersten gemeinsamen Auftritt. Mit elf Musikstücken lockten sie zahlreiche Besucher zum Verweilen und wurden mit viel Applaus belohnt. Einige Zuhörer honorierten den Mut und das Engagement der jungen Musiker sogar mit einer kleinen Spende. Lange blieb das Geld allerdings nicht in den Taschen der Nachwuchsmusiker. Gemeinsam zog es die Gruppe anschließend auf die Bleiche, wo die Einnahmen kurzerhand in Fahrgeschäfte und gemeinsame Brunnenfestfreude investiert wurden.
Etwas außerhalb des unmittelbaren Festgeschehens, aber nicht weniger beliebt, fand beim Schützenverein Oberursel 1464 erneut das traditionelle Jedermannschießen um die Brunnenfestscheibe statt. Überreicht wurde die kunstvoll gestaltete Scheibe vom Brunnenpaar Emily I. und Michèle I. Selbstverständlich zierte auch in diesem Jahr der Brunnen des aktuellen Brunnenpaares das Motiv. Nach Angaben des Vereins war der Andrang am Samstag größer als im Vorjahr. Die Brunnenfestscheibe sicherte sich in diesem Jahr Ex Brunnenmeister Alexander Wehrheim.
Auch die Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuz zogen ein positives Fazit. Trotz der sommerlichen Temperaturen verlief das Brunnenfest erfreulich ruhig. Neben einigen Kreislaufproblemen gab es keine außergewöhnlichen Einsätze. Für die Sicherheit der Besucher standen tagsüber 16, in den Abendstunden rund 30 Helfer nebst Notarzt und Quad bereit.
Einen stimmungsvollen Schlusspunkt setzte traditionell das große Feuerwerk über der Bleiche. Organisiert und finanziert von den Schaustellern, gehört es für viele Besucher zu den Höhepunkten des Brunnenfestes. Frei nach dem Motto „von Oberursel für Oberursel“ setzen die Schausteller damit Jahr für Jahr ein sichtbares Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Stadt und ihren Gästen. Als die bunten Lichter den Nachthimmel über Oberursel erleuchteten, war der Festplatz bis auf den letzten Platz gefüllt – Gänsehautmomente inklusive. Auf der Bleiche drehte sich das Brunnenfest weiter. Aus den Fahrgeschäften drang Gelächter, über dem Festplatz kreiste das Riesenrad und es schien, als ob ganz Oberursel im Brunnenfestfieber sei.
Weitere Berichte zum Brunnenfest finden Leser in dieser Ausgabe mit dem Interview des neuen Brunnenpaares Emily I. und Michèle I., einem Beitrag der Stadtkennerin Marion Unger über die Oberurseler Brunnen sowie Reportagen zum Entenrennen und zum Brunnenfestlauf.










