Notfallseelsorge betreut Menschen in Ausnahmesituationen

Das Team der PSNV Notfallseelsorge Main-Taunus-Kreis konnte sich im Rahmen eines Informationsabends in der vergangenen Woche über reges Interesse an diesem anspruchsvollen Ehrenamt freuen: Hiawatha Wolf, Silke Hennen, Christine Zahradnik (Leitung), Jens Böhler (v.l.),Sybille Velten (vorne links) und Ines Schäfer (vorne rechts). Nicht im Bild ist Helmut Nowotka. Fotos: Scholl

Altenhain (Sc) – „Wir bleiben, wenn alle anderen gehen müssen“ – mit diesem Satz begrüßte Christine Zahradnik, Leiterin der Notfallseelsorge Main-Taunus-Kreis, am Mittwochabend vergangener Woche die Interessentinnen und Interessenten für ein Ehrenamt, das viel Einfühlungsvermögen, aber auch ein großes Maß an Resilienz erfordert.

Das Team konnte sich an diesem Abend über ein reges Interesse an dem ehrenamtlichen Dienst in der Notfallseelsorge Main-Taunus-Kreis freuen, denn nicht weniger als 20 interessierte Bürgerinnen und Bürger jeder Altersklasse waren in den Räumlichkeiten der Freiwilligen Feuerwehr Altenhain zusammengekommen, um sich darüber zu informieren, wie sich ein persönliches Engagement gestalten könnte. Für einen ersten Überblick war eingangs das „Handwerkszeug“ der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Notfallseelsorge zu besichtigen. Der „Einsatzrucksack“ enthält alle wichtigen Utensilien wie Erste-Hilfe-Pack, Wasserflasche, „Nervennahrung“ in Form von Schokoriegeln und Lollis sowie zum Beispiel auch eine Notfallatemhilfe, Handschuhe und Masken. Darüber hinaus gibt es Trost-Teddys und eine Handpuppe, um auch Kinder entsprechend betreuen zu können.

Der Abend diente der Information, denn ein Dienst bei der Notfallseelsorge will gut überlegt sein: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dann im Dienst, wenn es um Menschen geht, die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden. Die Mitarbeiter begleiten Einsatzkräfte der Polizei oder der Feuerwehr immer dann, wenn Menschen zu Schaden gekommen sind und Hinterbliebene mit dem Verlust konfrontiert werden. Es geht also um Menschen, die unvorhergesehen in eine schwierige und existenziell bedrohliche Situation geraten sind – unabhängig von der Nationalität, der Religiosität und ihrer Herkunft. Das Team umfasst aktuell ca. 45 Mitarbeitende mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund und kann tatkräftige Unterstützung gut gebrauchen.

Die Betreuung wird an 365 Tagen – rund um die Uhr – sichergestellt. Sie ist Teil der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) in den Landkreisen, die im Main-Taunus-Kreis dem Evangelischen Dekanat Kronberg angegliedert ist.

Menschen in Krisensituationen begleiten

Ziel der Notfallseelsorge ist es, psychische Belastungen bei Betroffenen früh abzufangen, damit sich keine langfristigen Probleme wie Traumata entwickeln, denn eines ist wichtig zu wissen: Die Notfallseelsorge ist immer dann im Einsatz, wenn es um die traurigsten Momente im Leben der Betroffenen geht. Die Einsatzsituationen sind, so weiß Christine Zahradnik zu berichten, vielschichtig. Die Betreuung und Begleitung einer Person nach dem Tod eines geliebten Menschen zuhause kann genauso ein Thema sein wie die Begleitung der Polizei bei der Überbringung einer Todesnachricht nach einem Unfall. Feste Einsatzregeln gibt es nicht – es sind vielmehr Leitlinien, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Unterstützung bei ihrer Arbeit dienen, denn kein Einsatz ist wie der andere und niemand weiß, welcher Einsatz während der Bereitschaftszeiten als Nächstes wartet. Darüber hinaus wird die Notfallseelsorge in den Katastrophenschutz eingebunden, was zukünftig ganz neue Einsatzfelder und -strukturen mit sich bringen wird.

Voraussetzungen für ein Engagement

Die Grundlage der Arbeit in der Notfallseelsorge ist die (christliche) Nächstenliebe, die im Handeln, im Beistand und in den Worten der Notfallseelsorgenden spürbar werden soll. Voraussetzung für eine Mitarbeit, so führte Jens Böhler aus, ist zunächst zeitliche Flexibilität und die Möglichkeit, mindestens 48 Stunden im Monat Bereitschaftszeit leisten zu können. Wichtig sind unter anderem auch die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Kulturen sowie die Zugewandtheit zu Menschen, Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit. Die Altersuntergrenze liegt bei 23 Jahren (nach Abschluss der Ausbildung) und die Bewerberinnen und Bewerber dürfen sich nicht in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung befinden. Darüber hinaus müssen ein Führerschein der Klasse B, ein Auto und ein Smartphone mit mobilen Daten und ein PC-Zugang vorhanden sein.

Umfangreiche Ausbildung für anspruchsvolle Einsätze

Sybille Velten berichtete anschließend über die fundierte Ausbildung, die dem ersten Einsatz vorausgeht. Alle Mitarbeitenden nehmen an einem umfangreichen Ausbildungsprogramm teil. Es umfasst 120 Unterrichtseinheiten, die Hospitation in je einer Schicht bei einem Rettungsdienst, der Leitstelle und der Polizei. Vor einem ersten „selbständigen“ Einsatz begleiten die „Neulinge“ zunächst Einsätze mit unterschiedlichen Indikationen (Hospitation). Die einzelnen Ausbildungsmodule sind thematisch geordnet und können in einem fortlaufenden Kurs oder auch einzeln besucht werden. Die Inhalte beschäftigen sich mit Themen wie: Rechtsfragen, Psychologie, Tod und Sterben oder auch dem Thema Demenz. „Besonders wichtig sind dabei die praktischen Übungen, in denen einzelne Szenarien durchgespielt und Übungssituationen simuliert werden.“ Ziel dieses umfangreichen Programms ist es nicht nur, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf künftige Einsätze vorzubereiten, sondern auch, ihnen die Möglichkeit zur Prüfung zu geben, ob ein Dienst in der Notfallseelsorge wirklich zu ihnen „passt“. An diesem Abend war auch Hiawatha Wolf dabei, die persönlich von ihren Erfahrungen und Erlebnissen aus der Zeit ihrer Hospitation berichtete. „Als besonders hilfreich nehme ich den regelmäßigen Austausch mit meinen Mentoren wahr“, so Wolf. Sie berichtete über wertvolle Einblicke in die Arbeit der Rettungsdienste und der Polizei, denn „auf Knopfdruck professionell“ zu sein, sei nicht immer ganz einfach.

Dienstpläne, Ausstattung und Co.

Die Notfallseelsorge ist über Dienstpläne organisiert, in die sich jeder – entsprechend seiner zeitlichen Möglichkeiten – für Bereitschaftsdienste einträgt. Die Koordination obliegt Ines Schäfer, die auch für Personalangelegenheiten verantwortlich ist und darüber hinaus als Ansprechpartnerin für alle Belange des Teams fungiert. Letztendlich muss die Bereitschaft an 365 Tagen im Jahr an 24 Stunden sichergestellt werden, weshalb dieses Ehrenamt eine große Verbindlichkeit besitzt. Soll heißen: Man muss sich aufeinander verlassen können! Bleibt noch anzumerken, dass die notwendige Ausstattung, inklusive Kleidung, für alle Ehrenamtlichen zur Verfügung gestellt wird.

Ein interessanter Abend, der viele Informationen vermittelte, aber auch deutlich machte, dass es sich um ein Ehrenamt mit großer Verantwortung handelt. Im Anschluss gab es für die Gäste die Möglichkeit, sich in Kleingruppen mit den Aktiven auszutauschen, Fragen zu stellen und mit anderen Interessenten ins Gespräch zu kommen – über einen ehrenamtlichen Dienst, den viele vielleicht gar nicht kennen, der aber für die betroffenen Menschen elementare Hilfe leistet, ihnen zur Seite steht und niemanden in seinem Kummer und seiner Trauer alleine lässt!

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