Kelkheim (kez/iba) – Das gibt es auch nicht alle Tage, dass ein CDU-Mann einen SPD-Kanzler zitiert. „Wie heißt es so schön: ‚Das Wesen der Demokratie ist der Kompromiss‘ – Willy Brandt hat das gesagt.“ Jürgen Schnabel von der CDU war offenbar gewillt, einen Kompromiss zum vorgesehenen Baugebiet „Hornau West“ zu finden.
Wie ein solcher Kompromiss aber genau aussähe? Wer wie abstimmen könnte? Welche offenen Fragen noch geklärt werden müss(t)en? Wo, was, in welcher Form gebaut werden würde? Mit welcher Belastung für den Verkehr und die Kelkheimer Bürger das einher ginge? Wie das Vorhaben in den Flächennutzungsplan passen möge? Wie sich das Ganze auf die Umwelt, Stresslevel und Lärmpegel auswirken könnte (sowohl während der Bauarbeiten als auch danach bei veränderter Infrastruktur)? Welche unvorhergesehenen baulichen und geografischen Hindernisse gegebenenfalls noch aus dem Weg geräumt werden müssten? Wie dieser neue Wohnraum aussehen solle? Und was vor allem die Kelkheimer Bürger vom andiskutierten Neubaugebiet „Hornau West“ halten mögen?
Das konnte bei der jüngsten Bauausschusssitung im Plenarsaal des Kelkheimer Rathauses nicht zufriedenstellend geklärt werden. Zu viele abweichende Meinungen darüber, wie das Kelkheim des 21. Jahrhunderts denn nun aussehen soll, zu viele Ungewissheiten und zu viele Fragezeichen machten die Diskussion lebhaft – und schwierig.
Wie und wo soll bezahlbarer Wohnraum entstehen? Und wo genau?
„Im Moment ist das noch viel Kaffeesatzleserei“, so FDP-Mann Patrick Falk. „In wievielen Schritten das alles möglicherweise kommt, müssen wir auch noch mal sehen. Aber der Oktober-Plan gefällt uns schon mal besser als der August-Plan.“ Gemeint war der aktualisierte Entwurf vom Oktober 2025, der eine dichtere Bebauung vorsieht, unter anderem wurde statt vormals über 120 nun über mögliche 246 Wohnungen im Geschossbau diskutiert (bei gleichzeitiger Reduzierung der Einfamilienhäuser), insgesamt würden so über 360 neue Wohneinheiten inmitten der Stadt entstehen. Das hieße zwar mehr bezahlbaren Wohnraum (im Idealfall über 50%, wenn es nach SPD-Mann Dr. Michael Hellenschmidt geht), allerdings auch mehr potenzielle Neu-Kelkheimer. Da zuckte wiederum Thomas Horn zusammen, der CDU-Mann rechnete kurz durch: „Das wären möglicherweise über 800 neue Bürger, mitten in der Stadt. Zum Vergleich: In ganz Eppenhain wohnen nur 1.100 Leute, da entstünde ja fast ein neuer Stadtteil mitten in Kelkheim.“
Auch wenn man mit dem Stichwort „bezahlbarer Wohnraum“ bei der ukw eigentlich offene Türen einrennen sollte, sträubt sich die Fraktion weiterhin gegen das Bauvorhaben in dieser Form. Natürlich sei Wohnbebauung wichtig, so Bürgermeister Albrecht Kündiger, „aber so wie es aktuell geplant ist, halte ich das Baugebiet für zu groß.“ Fraktionsvorsitzende Doris Salmon sieht das ähnlich: „Wir wollen natürlich schon mehr Wohnraum, gerne auch mehr bezahlbaren Wohnraum. Trotzdem müssen wir schauen, wie und wo es den geringsten ökologischen Eingriff gibt.“
Umzug für den Löschzug?
Zudem ist die Feuerwehr-Frage auch noch nicht geklärt: Der neue Plan sieht eigentlich vor, die drei Feuerwachen aus Fischbach, Hornau und Mitte zu einer zusammenzulegen; bei diesem Plan wird allerdings eine Feuerwache voraussichtlich gar nicht mitspielen, wie ukw-ler Wolfgang Coy betonte: „Wir sehen keinen Sinn darin, drei Feuerwehren in diesen neuen Standort hinzuverlegen – wenn eine von den dreien gar nicht da hin will!“ Bei der Feuerwehr aus Fischbach wird das Projekt und der damit verbundene mögliche (Zwangs-)Umzug nämlich mehr als kritisch gesehen, am liebsten würden die Fischbacher da bleiben, wo sie sind. Zumal fraglich ist, wie schnell (oder auch: langsam?) die Feuerwehr im Zweifelsfall anrücken soll, wenn es dann einmal tatsächlich in der hintersten Ecke von Fischbach brennt.
„Zudem kommt es da zu einer Mehrbelastung an Verkehr“, so Coy weiter. „Und ob dabei am Ende tatsächlich auch bezahlbarer Wohnraum herauskommt, ist auch fraglich.“
Wie viele der neu geplanten Häuser und Wohnungen – so sie denn gebaut werden – dann tatsächlich bezahlbar sein werden? Bezahlbar für wen? Nach wessen Auslegung? In welcher Lage? Zu welchem Anteil (in Prozent und in absoluten Zahlen) am gesamten neuen Wohngebiet? Alles Fragen, die zwar irgendwo im Raum schwebten, aber nicht zufriedenstellend beantwortet werden konnten, zu unterschiedlich waren und sind die Auffassungen darüber, was in welchem Maße für Kelkheim sinnvoll ist.
Ja, schon mehr Wohnraum, aber...
In dem Areal zwischen Gagernring, Berliner Ring und Fischbacher Straße soll also das besagte „Hornau West“ entstehen, dort sollen Mehrfamilienhäuser und Einfamilienhäuser hin, das angesprochene Feuerwehrhaus ebenso. Dass der Anteil der Einfamilienhäuser nach der neuen Rechnung, beziehungsweise nach dem neuen dichteren Bebauungsvorschlag, auf unter 20% sinken könnte, traf bei Thomas Horn auf wenig Gegenliebe, in dieser Form und in dieser Dichte sei das für das von Einzelbebauung geprägte Kelkheim ein Novum beim „vielleicht größten Kelkheimer Wohnbauprojekt in den letzten 50 Jahren.“ Der ehemalige Bürgermeister kann sich offenbar nicht für übermäßige mehrgeschossige Bauweise erwärmen, würde wohl lieber Reihenhäuser sehen statt drei- bis vierstöckiger Wohnungskomplexe.
Welche Kelkheimer Durchschnittsverdiener aus welchen Bevölkerungsschichten einmal in diese Einfamilienhäuser einziehen sollten, wie viele Neu-Kelkheimer Horn für vertretbar hält (wenn denn 800 zu viel sind), was die CDU-Definition von „bezahlbar“ ist, wie viel Fläche dort versiegelt werden soll, nur um wieder vergleichsweise ineffektiv zu bauen (eben nicht in die Höhe, sondern vorrangig nur in die Breite), und wie die Kelkheimer dorthin kommen sollen, in dieses neue Wohngebiet, ohne den Verkehr in der Stadt über Gebühr zu belasten? Alles offene Fragen, die im Raum schwebten und die auch die zahlreich erschienenen (und einheitlich gekleideten) Mitglieder der Bürgerinitiative „Gegen Hornau West“ interessierten – die aber niemand so richtig aufgreifen oder beantworten wollte oder konnte.
Gagern-Spange: Zu teuer, zu aufwendig, zu kompliziert?
Immerhin in Sachen Erreichbarkeit gibt es einen Plan, wenngleich nur auf dem Papier: Die angedachte „Gagern-Spange“ soll Abhilfe schaffen, die allerdings zum normalen Verkehr vermutlich noch zusätzliche Autofahrer nach Kelkheim „locken“ könnte. Mindestens eine neue Straße, mindestens zwei Kreisel am Gagernring – ein weiterer in Fischbach –, eine Untertunnelung der Bahngleise (mit zwei unterschiedlichen Grundwasserpegeln!), das hieße noch mehr Baustellen, noch mehr Umleitungen, noch mehr Staus; und Millionen Euro an Mehrkosten, die man woanders in Kelkheim dann nicht mehr ausgeben kann. In der Vergangenheit kursierten die unterschiedlichsten Zahlen.
Patrick Falk von der FDP hatte 2024 schon einmal Schätzungen vorgelegt, eine große Baufirma hätte ihm auf Nachfrage die ungefähren Kosten für das Mammutprojekt zukommen lassen: Die Gagern-Spange für rund 18 Millionen, die Unterführung für rund 20 Millionen, plus die Kosten für die Feuerwehr, plus Summe X für Verzögerungen und für Unvorhergesehenes. Diese Kosten sorgten und sorgen bei Falk für Bauchschmerzen, in der Sache ist er allerdings auch für neuen Wohnraum. „Ob wir uns diese Spange leisten können, bezweifle ich, aber neuer Wohnraum muss nun mal geschaffen werden, das ist klar.“
Entsprechend lief die Abstimmung, die Koalition aus CDU und SPD, sowie FDP und die Freien Wähler (FWK) stimmten für das Neubaugebiet – die ukw dagegen.
Die Spange und die Untertunnelung trieben nämlich auch ukw-Mann Jochen Ballach die Sorgenfalten auf die Stirn, von einem potentiellen „Millionengrab“ war die Rede.
Kollegin Doris Salmon rechnete außerdem mit Widerstand aus der Kelkheimer Bevölkerung und weiterhin hitzigen Diskussionen – die Bürger, die gegen die Bebauung seien, würden den Baggern nicht kampflos das Feld überlassen.
Man darf gespannt sein, wann und wo man die Herrschaften mit den Pullovern demnächst wieder sieht.
