Wenn Geschichte „hinten raus“ erzählt wird

„Geschäfte“ wurden im wahrsten Sinne des Wortes im alten Rom bei der Erledigung des Geschäfts gemacht. „Kleines Geschäft, kleine Geschäfte, großes Geschäft, große Geschäfte“, so fasst es Archäologe Sascha Piffko mit einem Augenzwinkern in Worte. Sein Vortrag über die Toilettenkultur lockte viele Zuhörer in den Plenarsaal des Kelkheimer Rathauses.Fotos: KI generiert/Judith Ulbricht

Archäologe Sascha Piffko nimmt Kelkheim mit auf eine ungewöhnliche Zeitreise durch die Toilettenkultur

Kelkheim (ju) – Es gibt Themen, über die spricht man nicht. Zumindest nicht beim Abendessen, nicht im Kollegenkreis und schon gar nicht in feiner Gesellschaft. Und dann gibt es Sascha Piffko, Archäologe aus Münzenberg – der genau diese Themen nimmt, auf den Tisch legt und sie mit einem so trockenen Humor seziert, dass man gar nicht anders kann, als gebannt zuzuhören.

Schon der Einstieg seines Vortrags im Kelkheimer Rathaus sorgt für dieses besondere Raunen im Saal, irgendwo zwischen Überraschung, Belustigung und leichtem Unbehagen. „Etwa 30.000 Menschen lebten im Schloss Versailles“, sagt Piffko und lässt eine Pause entstehen, die länger wirkt, als sie ist. „Und wissen Sie, wie viele Toiletten es dort gab?“ Wieder eine Pause. „Keine. Null.“ Ein Moment Stille. Dann Gelächter. Denn natürlich weiß Piffko, dass genau hier der Mythos beginnt – und genau hier setzt er ihn genüsslich auseinander.

Versailles und der Irrtum vom „Hinter-die-Vorhänge-machenden Adel“

„Das Bild, das viele im Kopf haben, ist völlig falsch“, erklärt er und lehnt sich entspannt ans Rednerpult. „Da stehen Leute im Schloss, raffen ihre Röcke und verschwinden hinter irgendeinem Vorhang. Das ist Quatsch.“

Im Gegenteil: Versailles hatte durchaus Toiletten – nur eben keine modernen Badezimmer, wie wir sie kennen. Es gab Toilettenstühle, elegante Möbelstücke, oft kunstvoll gearbeitet, die in den Zimmern standen oder in kleinen Nebenräumen genutzt wurden. Privatsphäre? Bedingt. Etikette? Sehr wohl.

„Man hat das nicht öffentlich gemacht“, sagt Piffko trocken. „Aber es war auch nicht so, dass der ganze Hof kollektiv hinter Gardinen verschwand.“

Die Pointe sitzt – und gleichzeitig zeigt sich schon hier sein eigentliches Anliegen: Geschichte ist selten so schmutzig, wie ihr Ruf. Und manchmal auch nicht so sauber, wie wir es gerne hätten.

„Kacken“, „Scheißen“ und die Sprache des Alltäglichen

Besonders amüsiert reagiert das Publikum, als Piffko in die Sprachgeschichte abtaucht – ein Thema, das auf den ersten Blick wenig akademisch wirkt, sich aber als überraschend tief erweist. „Das Wort ,kacken‘ kommt vom lateinischen cacare“, erklärt er. „Das ist eigentlich ziemlich direkt, ziemlich ursprünglich – und ehrlich gesagt: erstaunlich stabil über Jahrtausende.“

Während das Lateinische also unverblümt blieb, entwickelte sich im Deutschen ein zweiter, kulturell aufgeladener Begriff: „scheißen“. Piffko grinst. „Das kommt aus dem Mittelhochdeutschen und zeigt schon eine gewisse Weiterentwicklung im Umgang mit dem Thema. Man wird kreativer, wenn man etwas eigentlich nicht so genau benennen will.“ Und genau darin liege der kulturelle Kern, so Piffko: Je näher etwas an unserem Alltag ist, desto mehr versuchen wir, es sprachlich zu verpacken, zu entschärfen oder zu umschiffen. „Wir reden über alles Mögliche“, sagt er, „aber sobald es um das geht, was jeder Mensch jeden Tag tun muss, wird es plötzlich still im Raum.“ Dabei, so sein augenzwinkernder Zusatz, sei der Stoffwechsel „die einzige echte Konstante der Menschheitsgeschichte“.

Vom Lagerfeuer in Spanien bis zum Wikinger im Museum

Dass diese Konstante nicht nur sprachlich, sondern auch archäologisch Spuren hinterlässt, zeigt Piffko mit erstaunlichen Beispielen. Einer der ältesten Funde menschlicher Hinterlassenschaften stammt aus einer spanischen Höhle – rund 50.000 Jahre alt, Neandertalerzeit.

„Ja“, sagt er trocken, „auch das haben unsere Vorfahren schon gemacht. Und nein, romantisch war das nicht.“ Im Publikum geht ein Lachen durch die Reihen, während Piffko erklärt, dass solche Funde für Archäologen pures Gold sind. Nicht wegen des Geruchs – sondern wegen der Informationen. Ernährung, Krankheiten, Lebensumstände: alles steckt darin.

Und dann wird es fast schon liebevoll absurd, als er auf einen der bekanntesten Funde aus der Wikingerzeit zu sprechen kommt: ein gut erhaltenes Exemplar aus dem 9. Jahrhundert, das heute sogar im Museum ausgestellt ist. „20 Zentimeter Geschichte“, sagt er und schmunzelt. „Das ist kein Witz – das ist Wissenschaft.“

Die Vorstellung, dass ein solches Objekt über Jahrhunderte konserviert wurde und heute hinter Glas bewundert wird, sorgt für genau die Mischung aus Ungläubigkeit und Faszination, die Piffkos Vorträge so besonders macht.

China war schon früher weiter – und die Römer sowieso organisiert

Während Europa vielerorts noch mit einfachen Gruben und improvisierten Lösungen arbeitete, war man andernorts bereits erstaunlich weit. Aus dem alten China sind Toiletten mit Wasserspülung bekannt – rund 2400 Jahre vor Christus. „Das ist nichts Neues“, sagt Piffko. „Wir erfinden selten etwas wirklich komplett neu. Wir vergessen nur sehr gut.“

Die Römer wiederum perfektionierten das, was vorher entstand. Öffentliche Latrinen, klare Trennung von Frisch- und Abwasser, große Anlagen mit dutzenden Sitzplätzen – allerdings ohne jede Form von Trennwand. „Man saß nebeneinander“, erklärt er trocken, „hatte Zeit, hat geredet, Geschäfte gemacht – im wahrsten Sinne des Wortes.“

Auch die römische Mythologie kannte passende Zuständigkeiten: Venus Cloacina als Schutzgöttin der Kanalisation und Stercutus als Gott des Düngers. „Die Römer haben wirklich für alles eine Zuständigkeit gefunden“, sagt Piffko. „Auch für das, worüber wir heute nicht reden wollen.“

Mittelalter: Zwischen Misthaufen und Missverständnissen

Einen besonders großen Raum nimmt in seinem Vortrag das Mittelalter ein – und die vielen Mythen, die sich darum ranken. „Nein“, betont Piffko, „die Menschen haben nicht einfach aus dem Fenster gemacht und darunter applaudiert.“

Die Realität sei differenzierter gewesen. Es gab Gruben, einfache Abwassersysteme, Vorschriften – und durchaus Versuche, Ordnung in das zu bringen, was heute gerne als chaotisch dargestellt wird. „In Nürnberg etwa durften Gruben sieben Jahre genutzt werden“, erklärt er. „Dann wurden sie geleert. Das war organisiert – nicht romantisch, aber organisiert.“

Und manchmal wird es auch für den Archäologen selbst sehr real. „Wir haben in Butzbach einen Straßenzug aus dem 14. Jahrhundert freigelegt“, erzählt er. „Original Kopfsteinpflaster, original alles drauf. Und ja … auch das Original.“ Er macht eine Pause. „Ich hatte keine Handschuhe an. Das war ein Fehler.“ Der Saal lacht, während er ergänzt: „Das begleitet einen dann noch ein paar Tage. Nicht historisch – eher olfaktorisch.“

Wenn die Toilette zum gefährlichsten Ort der Welt wird

Dass das „stille Örtchen“ in der Geschichte nicht immer so harmlos war, wie sein Name vermuten lässt, zeigt Piffko mit einem Seitenblick auf erstaunliche – und teilweise umstrittene – Überlieferungen aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Denn gerade dort, wo selbst Könige ungestört sein wollten, bot sich zugleich die größte Schwachstelle. „Das ist der Moment, in dem niemand eine Wache dabei hat“, erklärt er trocken. „Und genau das macht den Ort so interessant.“

In der Tat berichten Chroniken und spätere Überlieferungen immer wieder von Angriffen auf Herrscher während ihres Toilettengangs. Ein oft zitierter, historisch jedoch nicht eindeutig gesicherter Fall betrifft den englischen König Edmund I. († 946), der – so die Legende – während eines Toilettengangs angegriffen und getötet worden sein soll. Ob diese Darstellung tatsächlich stimmt, ist unter Historikern umstritten, zeigt aber ein wiederkehrendes Motiv: Der private Moment des Herrschers war zugleich sein verwundbarster.

Auch aus dem Hochmittelalter sind ähnliche Erzählungen bekannt. So wird etwa König Gottschalk (Gottschalk II. von Holstein, 12. Jahrhundert) beziehungsweise in anderen Überlieferungssträngen auch adlige oder königliche Opfer aus der Zeit um das 11. Jahrhundert genannt, die angeblich durch Angriffe über sogenannte Abtrittsöffnungen oder Latrinen ermordet worden sein sollen. Diese Geschichten sind nicht immer eindeutig belegbar, haben sich aber als typisches Motiv der mittelalterlichen Chronistik etabliert: Der Angriff „von unten“, aus der Kanal- oder Abtrittsstruktur heraus, galt als besonders perfide und zugleich symbolisch entwürdigend. „Man muss sich klar machen“, so Piffko, „die Toilette war einer der wenigen Orte, an denen selbst Herrscher wirklich allein waren.“ Diese Einsamkeit machte sie zu einem Sicherheitsrisiko – und zu einem Ort politischer Fantasie.

Ein besonders drastisches, wenn auch historisch nur teilweise gesichertes Ereignis ist der sogenannte „Latrinensturz von Erfurt“ (1184) unter Kaiser Heinrich VI. (in einigen Überlieferungen auch mit seinem Vater Friedrich Barbarossa verbunden). Während eines Fürstentreffens soll der morsche Fußboden eines oberen Saales nachgegeben haben, woraufhin zahlreiche Anwesende in die darunterliegende Abfall- bzw. Abortgrube stürzten. „Das war keine kleine Sache“, sagt Piffko. „Wir reden da von einer Masse an Menschen und einer entsprechend unangenehmen Situation darunter.“

Zeitgenössische oder spätere Berichte sprechen von Dutzenden Todesopfern – oft wird die Zahl um die 60 genannt. Historiker gehen allerdings davon aus, dass die genaue Zahl sowie einzelne Details im Laufe der Überlieferung ausgeschmückt wurden. Gesichert ist jedoch: Das Ereignis hat tatsächlich stattgefunden und zeigt, wie eng Repräsentationsräume, bauliche Konstruktion und hygienische Infrastruktur im Mittelalter miteinander verknüpft waren – und wie schnell sie versagen konnten. Piffko fasst es mit einem trockenen Lächeln zusammen: „Das stille Örtchen war manchmal alles andere als still – und gelegentlich auch der Ort, an dem Geschichte entschieden wurde.“

Warum das alles wichtig ist – und heute aktueller denn je

So unterhaltsam die Reise durch Jahrtausende auch ist, sie hat einen ernsten Kern. Piffko schlägt ihn erst spät an – und genau dadurch umso eindringlicher. „Heute haben noch immer Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberen Toiletten oder sauberem Trinkwasser“, sagt er ruhig. „Und das ist keine Randnotiz der Geschichte. Das ist Gegenwart.“

Die Verbindung zwischen Wasser, Hygiene und Gesundheit sei einer der zentralen Faktoren menschlicher Entwicklung. Und gleichzeitig eine der größten globalen Herausforderungen. „Wir reden über Technik, über Fortschritt, über Zukunft“, sagt er. „Aber manchmal vergessen wir, dass etwas so Einfaches wie eine funktionierende Toilette immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.“

Ein Vortrag, der hängen bleibt – im besten Sinne

Als der Abend endet, bleibt im Raum etwas zurück, das schwer zu benennen ist: eine Mischung aus Lachen, Nachdenken und leiser Irritation darüber, wie selbstverständlich wir Dinge nehmen, die historisch betrachtet alles andere als selbstverständlich sind.

Sascha Piffko hat an diesem Abend nichts beschönigt, nichts ausgelassen und vor allem eines geschafft: Geschichte so zu erzählen, dass sie nahbar wird – und manchmal auch herrlich unangenehm ehrlich. Oder, wie er selbst sagt: „Geschichte hört nicht am Palasttor auf. Sie geht immer weiter. Und manchmal eben auch genau da, wo keiner hinschauen will.“

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