Leserbrief

Bildung & Bildungsmisere

Unsere Leserin Iris Heeter, Kelkheim, hat ein paar Anmerkungen zum Kommentar der Schülerreporter und zum Artikel über die Bildungsmisere (KEZ 19) und schreibt dazu Folgendes:

Bei uns wird kein Kind „zum Reden genötigt“. Ich bin an einer Grundschule tätig, an der die sogenannten „mündlichen“ Noten längst in „sonstige Leistungen“ umdefiniert wurden. Wir berücksichtigen alles, was die Kinder in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeiten gestalten. Darüber hinaus führen wir individuelle Gespräche mit Schülerinnen und Schülern, denen die mündliche Beteiligung aus unterschiedlichen Gründen schwerfällt. Gleichfalls bieten wir diesen Kindern z.B. an, mündliche Präsentationen nur vor der Lehrkraft zu halten, ohne die Anwesenheit der Mitschülerinnen und Mitschüler. Und wir sind erfolgreich: Eines der Kinder, die ich unterrichtet habe, das im Kindergarten mit selektivem Mutismus zu kämpfen hatte, hat durch einfühlsame Unterstützung inzwischen den Mut gefunden, sich regelmäßig freiwillig mit klarer Stimme am Unterrichtsgespräch zu beteiligen. Das ist ein Erfolg, der uns alle sehr glücklich macht. Die „sonstigen Leistungen“ der Kinder werden, genau wie die formellen Klassenarbeiten, nach einem objektiven Schema in jeder Klasse einer Jahrgangsstufe gleich bewertet, erfasst und zu einer mündlichen Gesamtnote summiert. Wir investieren viel Zeit, Mühe und Engagement in die Kinder, die uns anvertraut sind.

Zum Thema „Bildungsmisere“: Fehlende Abschlüsse können nicht ausschließlich ein Auftrag an die Bildungspolitik sein. Immerhin ist Hessen ein Vorreiter-Bundesland, in dem es verpflichtende Vorlaufklassen gibt für Kinder, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, bevor sie eingeschult werden oder eine Regelklasse besuchen können. Zur Aussage „Kinder müssen am Ende der Grundschulzeit sicher lesen, schreiben und rechnen können“ fordere ich die Politik auf, die Elternhäuser wieder mehr in die Pflicht zu nehmen.

In dem Artikel ist die Rede davon, dass ausländische Kinder überproportional unter den arbeitslosen Jugendlichen vertreten sind. Wir müssen leider fast täglich feststellen, dass in vielen Haushalten die deutsche Sprache nicht nur nicht mehr die Hauptrolle spielt, sondern fast gar keine. Eine prägende Erfahrung hatte ich mit einem jungen Mann, der aus Albanien kam. Sein Deutsch war fantastisch und er sagte mir, dass ihm immer klar war, dass er die Sprache des Landes beherrschen muss, in dem er lebt. Diese Weitsicht hat mich sehr beeindruckt. Leider ist sie eher die Ausnahme als die Regel, da wir besonders in der Grundschule mehr und mehr damit konfrontiert sind, dass Deutsch zunehmend erst nach der Herkunftssprache und gerne auch Englisch an 3. Stelle bei vielen Eltern steht. Wie sollen wir unter solchen Voraussetzungen den Kindern die deutsche Sprache erfolgreich vermitteln?



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