Kelkheim (kez) – An diesem Abend schien es, als habe sich ein großer Strom seinen Weg durch Kelkheim gebahnt. Mit Bedřich Smetanas sinfonischer Dichtung „Die Moldau“ verwandelte Ondrej Valenta, Organist am Prager Veitsdom, den Kirchenraum von St. Dionysius in eine weit gespannte Klanglandschaft von eindringlicher Präsenz.
Smetanas berühmtes Werk, ursprünglich für Orchester gedacht, entfaltete in der Orgeltranskription eine überraschende Plastizität. Flirrende Figuren ließen die Quellen des Flusses aufscheinen, rhythmische Passagen zeichneten bäuerliche Tänze, ruhige Flächen öffneten den Blick auf weite Landschaften. Valenta verstand es meisterhaft, diese musikalische Erzählung nicht nur nachzuzeichnen, sondern hörbar wachsen zu lassen – bis hin zum majestätischen Finale, das mit voller Registerpracht den Strom in seiner ganzen Wucht erfahrbar machte. Der Schluss klang weniger nach Ende als nach Öffnung: ein musikalischer Urknall.
Auch Antonín Dvořák war an diesem Abend präsent. Das berühmte Largo aus der 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ gewann auf der Orgel eine besondere Innigkeit. Die weite, schlichte Melodie atmete Ruhe und Tiefe – ein Moment des Innehaltens, der den Raum spürbar sammelte. Umrahmt wurde das Programm durch Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. Bachs Concerto in a-Moll BWV 593, seine virtuose Übertragung von Vivaldis Orchestersprache auf die Orgel, zeigte Valentas stilistische Klarheit und rhythmische Präzision. Händels Ciacona bildete schließlich einen brillanten Abschluss: kraftvoll, farbenreich und von tänzerischer Eleganz getragen. Hier wurde eindrucksvoll hörbar, welches orchestrale Spektrum die große digitale Orgel von St. Dionysius abzubilden vermag.
Nicht zuletzt aufgrund des großen Applauses erklang in den zwei Zugaben noch das kraftvolle und virtuose „Moto Ostinato“ von Petr Eben, dem wohl bekanntesten tschechischen Komponisten der Neuzeit sowie eine eigene, äußerst gelungene Improvisation über ein tschechisches Weihnachtslied. Mit diesen weihnachtlichen Klängen war das Konzert mehr als ein Einzelereignis: Es diente zugleich als Generalprobe für Valentas Auftritt am ersten Weihnachtstag im Prager Veitsdom – ein Umstand, der dem Abend zusätzliche Spannung verlieh.
Die Kelkheimer Meisterkonzerte, organisiert von Florence und Stephan Paxmann, haben sich längst als feste Größe im regionalen Kulturleben etabliert. Internationale Spitzenorganisten, ein treues Publikum von regelmäßig über 200 Besucherinnen und Besuchern und mutige, abwechslungsreiche Programme prägen die Reihe. Ob sinfonische Transkriptionen, Stummfilm-Improvisationen oder liturgisch inspirierte Zyklen – Kelkheim ist zu einem Ort geworden, an dem Orgelmusik lebendig, zeitgemäß und überraschend erlebt werden kann.
Neujahrskonzert
Die Konzertreihe wird am Mittwoch, 21. Januar, um 19.30 Uhr mit einem Neujahrskonzert fortgesetzt und erhält mit Holger Gehring eine außergewöhnliche künstlerische Handschrift. Gehring zählt seit vielen Jahren zu den profiliertesten Organisten Deutschlands. Als Kreuzorganist an der weltberühmten Kreuzkirche in Dresden prägt er maßgeblich das musikalische Niveau eines der bedeutendsten kirchenmusikalischen Zentren Europas. Vielleicht, so darf man augenzwinkernd hoffen, fließt an diesem Abend nicht die Moldau, sondern die Elbe durch Kelkheim. Sicher ist: Die musikalische Reise geht weiter.

