Sarah Levy: Alltag und Ausnahmezustand in Israel

Im Jahr 2019 wanderte Sarah Levy von Hamburg nach Israel aus, in ein Land, in das sie sich verliebt hatte, in die Heimat ihrer jüdischen Vorfahren. Heute spricht sie über die Schattenseiten und Ausnahmezustände in einer Demokratie, die sie wegen der rechtsFoto: sura

Oberursel (aks). Die 41-jährige Autorin und Journalistin unter anderem der „ZEIT“, Absolventin der berühmten Henri-Nannen-Schule in Hamburg, war bereits zweimal zu Gast bei Michael Behrent im Kulturcafé. Das Publikum folgte zahlreich seiner Einladung, viele bestens eingestimmt mit der Lektüre ihrer Bücher: „Fünf Wörter für Sehnsucht“ – von einer Reise nach Israel und zu mir selbst, ihr Erstlingswerk, und das neueste: „Kein anderes Land“ – Aufzeichnungen aus Israel von 2025. Sie erzählte am Sonntagnachmittag nicht ohne Sorge und mit einer gewissen Desillusion von ihrem Leben in Israel. Dieses Land hat sie lieben gelernt wegen der verschiedenen Identitäten und Lebenswege, die ihr dort begegnet sind. Israel ist das Land, in das sie vor sieben Jahren so große Hoffnungen setzte, dass sie sich entschied, ihre deutsche Heimat zu verlassen und dort eine Familie zu gründen.

Der Blick beider Welten

Die Schriftstellerin, die einen deutschen und israelischen Pass hat, hebräisch spricht und deshalb alle Nachrichten aus erster Hand verstehen kann, fühlt sich berufen, mit einem deutschen und einem israelischen Blick auf dieses Land zu berichten, der sich im Laufe der Zeit und durch die vielen Kriege geschärft hat. Sie ist dort komplett in den Alltag eingetaucht und fühlt sich mit der israelischen Großfamilie herzlich verbunden. Der ungestümen Liebe ist nach sieben Jahren eine gewisse Abgeklärtheit in Bezug auf die israelische Realität gefolgt. An der Regierung Netanjahu übt sie heftige Kritik: Je mehr die Gesellschaft durch permanenten Ausnahmezustand wegen der jahrelangen Kriege, „der von allem ablenkt“, an ihre Grenzen komme, umso mehr tendierten viele zu einer starken Führung und zu radikalen Lösungen. Dabei gehe das Verständnis füreinander verloren. Sie plädiert für ein Miteinander, das auch Andersdenkende und Andersgläubige einschließt. Zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung seien Christen und Muslime.

Den im März geplanten Lesungstermin musste sie absagen, weil der Luftraum im Nahen Osten wegen des zweiten Irankriegs geschlossen war: „Wir konnten nicht ausreisen und hatten Angst, das hier nicht zu überleben – wir waren müde.“ Obwohl der Krieg absehbar und die Vorbereitungen sichtbar waren mit amerikanischen Fracht- und Tankflugzeugen, die sich positionierten, bangte sie bei jedem Alarmsignal: „Die israelische Gesellschaft wusste es!“ und zwar „schon zwei Monate vorher“. Die Kriegspropaganda komme in Israel gut an, nach dem Motto „wir schlagen der Schlange den Kopf ab“, verbunden mit der Hoffnung, dann Ruhe zu haben. Doch nun gelte der Krieg als gescheitert und das Mullah-Regime noch unberechenbarer als zuvor mit dem „Incentive, auf die Atombombe zu drücken“.

Ihren kleinen vierjährigen Sohn versucht sie im Bunker, in dem sie bis zu viermal in der Nacht Schutz suchen mussten, mit einem Bilderbuch abzulenken – immer ein neues. Für den Notfall ist ein Rucksack gepackt, mit Süßigkeiten, „zur Bestechung“, Getränken und allen wichtigen Dokumenten. Als Mutter sei sie im „totalen Erregungszustand“ gewesen – „ich kam nicht mehr runter“. Dabei sei sie sich ihres „privilegierten Kriegslebens“ gegenüber dem Iran und Gaza bewusst, die bei Angriffen ungeschützt – Bunker gibt es dort nicht – überleben müssten.

Ihr Fazit nach sieben Jahren

Die Einführung der Todesstrafe in Israel sei für sie eine gewaltige Zäsur, die sie vehement ablehnt, ebenso wie die permanente Gewalt gegen Palästinenser im Westjordanland sowie gegen Militärs in allen Kriegen. Die israelische Regierung habe sich radikalisiert: „Alle Rassismen haben sich verschärft“. Nicht nur in der Altstadt von Jerusalem nähmen die Übergriffe auf Christen zu, von dem Pfarrer und Priester ein trauriges Lied singen könnten. Initiativen wie „Groß-Israel den Juden“ seien ein fruchtbarer Boden für Übergriffe. Damit eine Demokratie nicht von innen ausgehöhlt wird, „müssen wir wachsam bleiben und den anderen sehen!“ Sie ist sich ihrer Rolle als Außenseiterin, als Jüdin aus Deutschland bewusst: „Du bist gekommen, um zu stören.“ Mit dieser journalistischen „Déformation professionelle“ kann sie leben: „Ich bin krawallig drauf“. Schmerzhafter sei die Kluft in der eigenen Familie, die sie für unüberwindbar hält.

Michael Behrent stellt Sarah Levy am Ende die Gretchenfrage: „Wie kann man Hoffnung schöpfen und woher soll die Zuversicht kommen?“ Ihre Antwort ist leidenschaftlich: „Wieder auf Demos in Israel gehen und im Oktober Netanjahu abwählen, damit die Rechten im Parlament nicht mehr entscheiden“. Für sie gebe es eine Partei der Hoffnung mit den ehemaligen Premierministern Naftali Bennett, 2021, Zitat: „Ich bin stolz darauf, mich mit Menschen unterschiedlicher Meinungen zusammensetzen zu können“, und Yair Lapid, 2022.

Verständnis füreinander

Sarah Levy beschreibt in ihren Büchern ihren Alltag im Innen sowie die israelische Politik von außen und fordert das Verständnis für den Nächsten ein: „Mitmenschen bleiben Mitmenschen, Nachbarn bleiben Nachbarn“. Ihre eigene Zerrissenheit spürt sie sehr deutlich: „Ich bin ein Mensch in einer schrecklich-schönen Welt“, eine Welt, die sie sehr persönlich beschreibt in deutscher Sprache mit Israel im Herzen, aus dem die verklärte Verliebtheit allmählich einer realen Zukunftsangst zu weichen scheint – die irgendwann – vielleicht bald – eine Entscheidung für die eine oder andere Welt von ihr fordert: „Die Zukunft meines Kindes ist mir wichtiger als Israel.“



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