Eschborn/Frankfurt (iba/hw). Heinz Erhardt als Fritz, Hans-Joachim Kulenkampff als Uli und Wolf Albach-Retty als Hannes strampelten in der deutschen Kinokomödie „Immer die Radfahrer“ 1958 zwar quer durch Deutschland und mussten sich dabei durch allerlei Missverständnisse kämpfen; ließen es in Sachen Tempo aber eher gemütlich angehen.
Die Profifahrer, die dieses Jahr am Klassiker „Eschborn -Frankfurt“ teilnahmen, hatten es weniger mit misstrauischen Ehefrauen zu tun, dafür um so mehr mit kräftezehrenden Steigungen (die Strecke ging alles in allem über rund 3.300 Höhenmeter), dreisten Ausreißern und schließlich einem dramatischen Sprint auf den letzten Metern.
Der alte Mann und das Rad
Das erste Mal freuen konnten sich die deutschen Radrennfans im Grunde schon vor dem Start: Der Oberurseler John Degenkolb müsste sich mit 37 Lenzen eigentlich schon mit der Karriere nach der Karriere beschäftigen – hat aber offenbar noch ausreichend Kondition und Lust, er wird seinen auslaufenden Vertrag noch einmal um ein Jahr verlängern und auch im Mai 2027 wieder bei „Frankfurt-Eschborn“ an den Start gehen.
Selbstverständlich ist das nicht, 2011 gewann er das erste Mal das prestigeträchtige Eintagesrennen; und hatte seitdem fast so viele Rückschläge und Comebacks wie die Hollywoodkarriere von Sylvester Stallone:
Sieg bei Eschborn-Frankfurt 2011, vierter Platz bei der Straßen-Weltmeisterschaft 2012, Etappensiege bei der Vuelta a España im selben Jahr und beim Giro d‘Italia 2013, Sieger beim Frühjahrsrennen Gent-Wevelgem 2014, Sieger beim Klassiker Mailand-San Remo 2015.
Der wilde Trainingsunfall 2016 in Calpe, Unterarmbruch und beinahe der Verlust einer Fingerkuppe, mehrere Operationen, ein erster und leider zu früher Comeback-Versuch: Das Rennen Eschborn-Frankfurt musste er 2016 noch abbrechen. Krankheitsbedingte Absage der UCI-Straßen-Weltmeisterschaften 2017, Nasennebenhöhlenentzündung 2018, Sturz bei der Tour de France 2020.
Warum sich ein 37jähriger lieber auf dem Fahrrad abstrampelt, statt in Uniform (und seinem eigentlichen Beruf) Polizeivollzugsdienst zu schieben? „Ich freue mich auf alles, was in der Zeit bis zum Karriereende noch auf mich wartet“, so Degenkolb vor dem Start am Mikrofon des Hessischen Rundfunks. Offenbar sitzt der Routinier für den Moment noch lieber auf einem Fahrradsattel als am Schreibtisch.
Von Eschborn über Frankfurt in den Taunus – und wieder zurück
Im Laufe der Jahre wurde der Rennrad-Evergreen mehrere Male aktualisiert und „umgebaut“, aus „Rund um den Henningerturm“ wurde „Eschborn-Frankfurt“, die Streckenführung neu verlegt, die Höhenunterschiede immer stärker. Auch dieses Jahr hatte der Klassiker ein „spürbar verschärftes Streckenprofil“, so der Veranstalter. Zwei Feldberg-Auffahrten über die Südwestseite, eine finale Doppelbelastung am Mammolshainer Stich und die Premiere des steilen Burgwegs sollten die Taunus-Passage taktisch (und konditionell) noch herausfordernder und zuschauerfreundlicher machen, man wollte das Feld entzerren. So irgendwie wurde es dann trotzdem eine Art Massensprint auf der Zielgeraden, aber rund ein Dutzend Fahrer machten am Ende in Frankfurt den Sieg unter sich aus, sie hatten sich rechtzeitig vom Hauptfeld abgesetzt.
Pit Cock oder Pidcock?
Dieter Krebs mimte in der TV-Serie „Voll Daneben“ anno 1990 mal den etwas schusseligen, aber trotzdem stets verlässlichen Flugkapitän, der in „Pit Cock – Des Teufels Steuerknüppel“ mit allerlei Widrigkeiten auf Langstreckenflügen zu kämpfen hatte.
Fast genauso zu kämpfen hatte der Brite Tom Pidcock auf dem 211 Kilometer langen Rennen durch und über den Taunus – welches in der Frankfurter Innenstadt mit einem dramatischen Schlussspurt endete. Pidock hatte erst „kurz vor Toresschluss“ für das Rennen zugesagt, zusammen mit Pello Bilbao aus Spanien Søren Kragh Andersen aus Dänemark (der das Rennen 2023 gewonnen hatte!) durfte man ihn durchaus zu den Favoriten zählen. Aber offensichtlich kam das Auf und Ab quer durch den Taunus dem Bergspezialisten Georg Zimmermann entgegen, der wohl noch ausreichend Luft für einen Spurt auf das Siegerpodest hatte:
Zwölf Fahrer sprangen am Stich im Königsteiner Stadtteil Mammolshain weg, einer davon war Georg Zimmermann, Pidcock ein anderer. Feiern – und sich feiern lassen – durfte am Ende der 28-jährige Augsburger, der vor drei Jahren einmal Zweiter bei einer Etappe der Tour de France wurde.
Dieter Baumann sprintete anno 1992 bei seinem Olympiasieg über die 5.000 Meter mal auf der Zielgeraden aus der letzten Position an der gesamten Konkurrenz vorbei Richtung Goldmedaille; Zimmermann wiederholte dieses Kunststück nun 34 Jahre später, mit einem tollen Sprint aus der hintersten Position der Ausreißer fuhr er – im wahrsten Sinne des Wortes – den größten Sieg seiner Karriere ein, vor dem Favoriten Tom Pidcock (er wurde Zweiter) und dessen Landsmann Ben Tulett (Dritter) wuchtete er sich und sein Rad als Sieger über die Ziellinie und sorgte für ein schwarz-rot-goldenes Rennradmärchen.
Vergleichsweise gemütlich fuhr dagegen John Degenkolb an der Seite seines Spezis Maximilian Walscheid ein zweites und ein drittes Mal über den Mammolshainer Berg, bloß keine künstliche Hektik, als Lokalmatador kann man so ein Rennen vor der eigenen Haustür auch durchaus einmal genießen. Die Platzierung war eher zweitrangig, „Dege“ wurde an vielen Stellen lauter gefeiert als der Gewinner, sichtlich gut gelaunt radelte er ins Ziel – und freut sich bestimmt schon auf‘s nächste Jahr. Alle Radsportfans sollten sich auch deswegen den 1. Mai 2027 schon einmal im Kalender markieren.











