Zum Reden genötigt: Mündliche Noten – wie introvertierte Kinder und Jugendliche mit dem Schulsystem kämpfen

Ein Referat vor der Klasse halten: Für viele introvertierte Schüler eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Auch die Sozialphobie, die heutzutage bei vielen Jugendlichen diagnostiziert wird, ist dem nicht zuträglich. Schule nimmt darauf kaum Rücksicht.Foto: KI generiert

Schülerreporter

Ungerechte Benotung – ein Umdenken muss her

Ein Kommentar von Suvi Roos und Mariana Benilov

Für die Schülerinnen und Schüler der jetzigen E-Phase sowie der Q2 begann im letzten Sommer ihr neues Schuljahr mit einer neuen Regelung: In den Nebenfächern wird künftig nur noch eine Klausur geschrieben, und die sogenannte „mündliche Note“ macht nun ganze 70 % der Gesamtnote aus, statt den vorherigen 50 %. 

Wir als Schülerinnen des letzten Jahrgangs, welche noch nach dem alten Bewertungssystem benotet werden, wurden durch diese Änderung zum Nachdenken angeregt:

Stellt diese neue Regelung eine Entlastung für die Schüler dar? Wie stark sollte eine mündliche Note die Gesamtnote beeinflussen? Und … gehören die sogenannten mündlichen Noten nicht eigentlich schon längst reformiert?

Schüler machen oftmals die Erfahrung, dass fast jede Lehrkraft eine andere Definition von guter mündlicher Mitarbeit hat. Mündliche Noten sind subjektiv und können sehr stark variieren. Vor allem, da Lehrerinnen und Lehrer oft nur die reine mündliche Mitarbeit bewerten, obwohl es, nach §73 Absatz 2 des Hessischen Schulgesetzes (HZHG) gesetzlich festgelegt ist, dass sich die Gesamtnote aus „mündlichen, schriftlichen, praktischen und sonstigen Leistungen, die die Schülerin oder der Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbringt“, zusammensetzt. Unter den sogenannten „sonstigen Leistungen“ finden sich nach § 9 Abs. 2 OAVO (Oberstufen- und Abiturverordnung) eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die mit hineinzählen: zum Beispiel Versuchsbeschreibungen und -auswertungen, Protokolle, Präsentationen und Hausaufgaben.

Allerdings haben nur wenige Schüler je etwas von den „sonstigen Leistungen“ gehört, was unsere Vermutung, dass nur zwischen schriftlich und mündlichen Noten unterschieden und anderes wenig mit einbezogen wird, verstärkt.

Die Gewichtung der mündlichen Noten sollte sich, unserer Meinung nach, von Fach zu Fach unterscheiden. Es ist viel wichtiger, sich bei Sprachen mündlich zu beteiligen, da es darum geht, eine neue Sprache sprechen zu lernen, als beispielsweise in Mathe, wo man auch mit schriftlichen Leistungen beweisen kann, dass man das Thema verstanden hat. Außerdem haben Lehrer sehr viel Spielraum bei einer mündlichen Note, es kann kaum einer kontrollieren, worauf sich ein Lehrer bei der mündlichen Benotung stützt. Lehrer sind auch nur Menschen und so haben Schüler, die gut darin sind, vor vielen Leuten zu sprechen, sich lauter präsentieren können und somit im Gedächtnis der Lehrenden bleiben, bessere Chancen, eine gute Note zu bekommen, vor allem, wenn die mündliche Note immer mehr zählt. Schüler, die lieber für sich arbeiten, sich nicht gerne einer großen Gruppe Menschen mitteilen und das Zuhören bevorzugen, werden oft mit sehr schlechten mündlichen Noten bewertet, was ihre Endnote, auch bei guten schriftlichen Leistungen, stark negativ beeinflussen kann.

Diese schlechte Benotung beginnt bereits bei kleinen Kindern. Schon in der fünften Klasse wird introvertierten Kindern mit schlechten mündlichen Noten, im Notenbereich 4 oder 5, suggeriert, sie seien falsch oder müssten etwas an sich verändern. 

Für diese Kinder kann eine Meldung pro Stunde oft schon eine Überwindung sein und macht sie vielleicht sogar stolz. Kontraproduktiv ist es dann, diesen jungen Menschen zu sagen, ihre Leistung sei nicht gut genug und sie für ihre „schlechte“ mündliche Mitarbeit mit einer schlechten Note zu „bestrafen“. Die Kinder sollen erstaunlicherweise auch noch mit der schlechten Note „motiviert“ werden, anstatt den individuellen Fortschritt eines Kindes zu bewerten. Ein paar Jahre später fällt dann auf, dass sich Schüler vollständig zurückziehen. Und was passiert? Die mündlichen Noten werden noch schlechter und Notenbesprechungen werden zu unangenehmen Erfahrungen.

Es ist, als wäre es in unserem Schulsystem nicht vorgesehen, dass es Menschen gibt, denen es schwer fällt, vor vielen Menschen zu sprechen.

Ruhigen Schülern werden Tipps gegeben wie: „Setz dich neben xy, die meldet sich viel und kann dich unterstützen!“, „Mach dir eine Strichliste mit deinen Meldungen für jede Stunde!“ oder auch: „Versuche über die Ferien mutiger zu werden!“ und „Versuche es doch mal mit Meditation!“ Wenn das so einfach wäre, gäbe es doch kaum noch Schüler mit schlechten mündlichen Noten. 

Und dann gibt es da noch die Fragen der Lehrenden. Die Fragen aus Verzweiflung oder purem Unverständnis, auch wenn wir das keinem Lehrer vorwerfen wollen: „Ist es dir nicht unangenehm so ruhig zu sein?“, „Hast du eine Idee, wie wir das Problem lösen können?“, „Redest du nur mit mir so wenig?“, „Hast du Freunde?“ Oder sogar, ob man als 15-jähriger Schüler nicht mal über eine Therapie nachgedacht hätte? Versuchen Sie sich in die Situation dieser Schüler hineinzuversetzen. Hätten Sie eine Antwort auf diese Fragen geben können?

Die neue Regelung für die Oberstufen-Schüler setzt ruhige und introvertierte Menschen noch weiter unter Druck. Es sollte unserer Meinung nach möglich sein, die mündliche Note individueller zu gewichten.  

Eine Note sollte den Lernprozess des Schülers widerspiegeln und ihn nicht dauerhaft unter Druck setzen, jede Minute der Schulstunde bewertet zu werden, wie es bei mündlichen Noten der Fall ist. 

Unser Schul- und Bewertungssystem ist bereits mehrere hundert Jahre alt. Es wird Zeit, es mal gründlich neu zu denken und endlich Platz in der Schule für die Individualitäten der Schüler zu schaffen. 

Warum halten wir so fest an einem System und wagen es nicht, grundlegende Dinge zu verändern oder wenigstens neue Wege auszuprobieren?

Anmerkung der Redaktion:

Die Schülerinnen dieses Beitrags sprechen aus, was in der Bildungsdebatte seit Jahren bekannt ist und doch viel zu selten Konsequenzen hat: Unser schulisches Bewertungssystem ist in weiten Teilen überholt. Es stammt aus einer Zeit, in der Konformität höher bewertet wurde als Individualität – und genau das zeigt sich bis heute in der Praxis der Notengebung. Zahlreiche bildungswissenschaftliche Studien weisen seit Langem darauf hin, dass insbesondere mündliche Bewertungen hochgradig subjektiv sind und stark von der Wahrnehmung einzelner Lehrkräfte abhängen. Damit sagen sie oft weniger über tatsächliche Leistung aus als über Auftreten, Selbstsicherheit und Kommunikationsstil.

Vor diesem Hintergrund wirkt es zunehmend, als stünde eine Generation von Entscheidungsträgern – häufig der sogenannten „Boomer“-Generation zugeordnet – einem notwendigen Wandel im Bildungssystem eher im Weg, als dass sie ihn vorantreibt. Rechte und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen scheinen dabei immer wieder in den Hintergrund zu geraten. Stattdessen dominiert nicht selten die Kritik, die junge Generation sei „verweichlicht“ oder „nicht belastbar genug“. Der oft gehörte Satz „Das hat uns auch nicht geschadet“ sollte sich in diesem Zusammenhang dringend gespart werden – denn er ignoriert, dass sich die Lebensrealität von Jugendlichen grundlegend verändert hat und heutige Generationen mit völlig anderen gesellschaftlichen, sozialen und psychischen Herausforderungen aufwachsen als frühere Jahrgänge.

Gerade introvertierte Schülerinnen und Schüler geraten durch die bestehende Praxis systematisch ins Hintertreffen – ein Effekt, der nicht neu ist, sondern gut dokumentiert. Die Forschung zeigt wiederholt, dass Leistungsbewertung, die stark auf spontane mündliche Beteiligung fokussiert ist, soziale Ungleichheiten verstärken kann und unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen benachteiligt. Trotzdem hat sich das System kaum verändert.

Es ist deshalb richtig und wichtig, dass junge Menschen diese Fragen heute wieder laut stellen. Denn es geht längst nicht mehr nur um einzelne Noten oder neue Gewichtungen – es geht um die grundsätzliche Frage, was Schule eigentlich messen will: Anpassung oder Können, Lautstärke oder Verständnis, Sichtbarkeit oder Kompetenz? Wenn Bildung gerecht sein soll, dann muss sie beginnen, diese Fragen endlich ernst zu nehmen. Ein Umdenken ist längst überfällig.



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